{"id":3375,"date":"2024-03-13T17:07:00","date_gmt":"2024-03-13T16:07:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.kloentaltriennale.ch\/hinterland\/dev\/?p=3375"},"modified":"2024-07-26T11:05:51","modified_gmt":"2024-07-26T09:05:51","slug":"unter-frommer-wachsamkeit","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.kloentaltriennale.ch\/hinterland\/dev\/?p=3375","title":{"rendered":"UNTER FROMMER WACHSAMKEIT"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-center wp-block-paragraph\">Textilarbeiterinnen im Kanton Glarus in der Obhut katholischer Kongregationen<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Geschichte des einst stolzen Textilstandorts Glarus ist auch eine Geschichte der Migration. Die Produktion und Verarbeitung von Textilien im industriellen Massstab waren lange Zeit \u00e4usserst arbeitsintensiv. So wurden seit dem Aufkommen der Spinnereien und Webereien in Glarus die notwendigen Arbeitskr\u00e4fte, insbesondere Frauen, auch international angeworben. An den Industriestandorten angekommen, mussten die Textilarbeiterinnen irgendwo untergebracht werden. Katholische Kongregationen hielten hierzu ein passendes Angebot bereit: Sie f\u00fchrten an die Fabriken angegliederte Heime, in denen Ordensschwestern \u00fcber die jungen Frauen wachten.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-center wp-block-paragraph\"><br>Italienische Arbeiterinnen f\u00fcr den letzten Textil-Boom<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Textilindustrie in der Schweiz hatte seit dem ausgehenden 19. Jahrhundert einen hohen Bedarf an weiblichen Arbeitskr\u00e4ften f\u00fcr die filigranen und gleichzeitig repetitiven Hilfsarbeiten entwickelt. Zur Deckung dieses Bedarfs entstanden in Fabrikn\u00e4he sogenannte \u00abM\u00e4dchenheime\u00bb, welche die meistens noch sehr jungen Frauen w\u00e4hrend der Zeit ihrer T\u00e4tigkeit beherbergten. Bis vor dem Zweiten Weltkrieg stammten diese gr\u00f6sstenteils aus katholischen Kantonen der Schweiz. Dies hatte unter anderem mit einer verk\u00fcrzten Schulpflicht in den katholischen Gegenden zu tun, die bereits mit zehn Jahren erf\u00fcllt war, womit die Kinder anschliessend f\u00fcr die Arbeit in der Fabrik zu Verf\u00fcgung standen. Die Kinder aus dem reformierten Kanton Glarus durften hingegen erst ab zw\u00f6lf Jahren besch\u00e4ftigt werden.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Als nach dem Zweiten Weltkrieg die Textilbranche in Glarus ein \u2013 wie wir heute wissen \u2013 letztes grosses Aufb\u00e4umen erlebte, wurde der noch einmal gestiegene Bedarf an Arbeitskr\u00e4ften mit jungen Frauen teilweise aus dem Tessin, mehrheitlich aber aus Norditalien gedeckt. Die Italienerinnen arbeiteten f\u00fcr wenig Lohn und analog zu den Gastarbeitern und -arbeiterinnen in anderen Branchen konnten sie bei Bedarf und je nach Konjunktur schnell wieder in ihr Heimatland zur\u00fcckgeschickt werden.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die rekrutierten jungen Italienerinnen stammten zumeist aus armen Verh\u00e4ltnissen und aus konservativ-katholischen Familien. Eine Verpflichtung der M\u00e4dchen in der Glarner Textilindustrie versprach den Eltern dabei nicht nur finanzielle Entlastung. Durch die Arbeit in der Fabrik und das Leben in den katholischen Heimen sollten die jungen Frauen auch an Disziplin, Gehorsam und religi\u00f6ser Fr\u00f6mmigkeit gewinnen. Entsch\u00e4digung und Aufenthaltsdauer wurden vertraglich festgelegt. Oftmals fanden sich die jungen Frauen unverhofft schnell in einem fremden Land wieder, in dem sie weder die Sprache noch die Gepflogenheiten kannten, und in dem sie rund um die Uhr von Ordensschwestern \u00fcberwacht wurden.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Eine 2022 erschienene Graphic Novel der K\u00fcnstlerin Susan Honegger erz\u00e4hlt die Geschichte einer jungen Arbeiterin aus Italien, die in den 1960er-Jahren in einem der M\u00e4dchenheime im Kanton Glarus untergebracht war. Die fiktive Geschichte st\u00fctzt sich auf ausf\u00fchrliche Recherchen und spielt an historischen Schaupl\u00e4tzen. Sie gibt einen Einblick in das Leben, das Lieben, die W\u00fcnsche und Tr\u00e4ume der Arbeiterinnen in der Glarner Textilindustrie der Nachkriegszeit. Und sie erz\u00e4hlt von der H\u00e4rte und der Strenge des Lebens in der Fremde, im engen Rahmen eines fiktiven M\u00e4dchenheims, und auch von der dort erlebten Gewalt.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image aligncenter size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"785\" height=\"1024\" src=\"https:\/\/www.kloentaltriennale.ch\/hinterland\/dev\/wp-content\/uploads\/2024\/03\/9783855463855xxl-785x1024.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-3376\" title=\"content_bild\" srcset=\"https:\/\/www.kloentaltriennale.ch\/hinterland\/dev\/wp-content\/uploads\/2024\/03\/9783855463855xxl-785x1024.jpg 785w, https:\/\/www.kloentaltriennale.ch\/hinterland\/dev\/wp-content\/uploads\/2024\/03\/9783855463855xxl-230x300.jpg 230w, https:\/\/www.kloentaltriennale.ch\/hinterland\/dev\/wp-content\/uploads\/2024\/03\/9783855463855xxl-768x1002.jpg 768w, https:\/\/www.kloentaltriennale.ch\/hinterland\/dev\/wp-content\/uploads\/2024\/03\/9783855463855xxl.jpg 800w\" sizes=\"auto, (max-width: 785px) 100vw, 785px\" \/><\/figure>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-center has-small-font-size wp-block-paragraph\">Graphic Novel \u00abDie Spinnerei\u00bb von Susan Honegger<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Reale M\u00e4dchenheime gab es im Kanton Glarus nach dem Zweiten Weltkrieg laut der Historikerin Susanne Peter-Kubli in Linthal (Spinnerei Kunz), R\u00fcti (Schuler), Betschwanden (Legler), H\u00e4tzingen (Tuchfabrik Hefti), Schwanden (Spinnerei Paravicini), Engi (Weberei Sernftal), Riedern (Neue Weberei Riedern) und Mollis (Jenny). Damit existierte im hinteren Glarnerland in fast jedem der D\u00f6rfer ein M\u00e4dchenheim. Einige weitere hatten seit dem 19. Jahrhundert \u00fcber k\u00fcrzere oder l\u00e4ngere Zeit existiert, waren aber wieder verschwunden. Gef\u00fchrt wurden diese an die jeweiligen Industriebetriebe angegliederten Heime von katholischen Ordensschwestern, die sogenannten \u00abKongregationen\u00bb angeh\u00f6rten, beispielsweise den Schweizer Ingenbohler Schwestern, den Menzinger Schwestern oder verschiedenen italienischen Orden, die spezifisch mit der Betreuung der italienischen Arbeiterinnen beauftragt worden waren.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-center wp-block-paragraph\"><br>Die katholische Kirche und die Textilindustrie<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Schon anderswo ist dieses auf den ersten Blick vielleicht \u00fcberraschende Zusammenspiel zwischen kirchlichen Institutionen und gewissen Industrieunternehmen beleuchtet worden. 2021 zeigte eine Reportage im \u00abBeobachter\u00bb, dass bis in die 1960er-Jahre hinein junge Frauen von Schweizer F\u00fcrsorge\u00e4mtern als billige Arbeitskr\u00e4fte in eine Toggenburger Spinnerei des ber\u00fchmten Schweizer Industriellen Emil B\u00fchrle geschickt worden waren. Dort arbeiteten sie f\u00fcr \u00abKost und Logie\u00bb. Wohnen konnten die jungen Frauen, zusammen mit rekrutierten Italienerinnen, im fabrikeigenen \u00abMarienheim\u00bb. Hier unterstanden sie der Aufsicht der Ingenbohler Schwestern.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">F\u00fcr die Spinnerei bedeutete diese Unterbringung die unkomplizierte Verf\u00fcgbarkeit von billigen Arbeitskr\u00e4ften, die F\u00fcrsorgebeh\u00f6rden konnten mit solchen Platzierungen unliebsame \u00abF\u00e4lle\u00bb kosteng\u00fcnstig regeln und die Ingenbohler Schwestern wiederum bekamen die M\u00f6glichkeit, ihren Glauben und ihre Vorstellungen einer frommen Lebensf\u00fchrung den jungen Frauen einzubl\u00e4uen. Die Firma B\u00fchrle bedankte sich \u00fcberdies mit grossz\u00fcgigen Spenden an das Mutterhaus in Ingenbohl. Auch f\u00fcr das ebenfalls von den Ingenbohler Schwestern betriebene Marienheim in R\u00fcti im Glarner Hinterland ist die Unterbringung von \u00abVersorgten\u00bb und die daraus resultierende Zwangsarbeit in der Nachkriegszeit belegt, wie der Journalist Yves Demuth in seinem Buch \u00abSchweizer Zwangsarbeiterinnen\u00bb zu zeigen vermag.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">In den Marienheimen galten strikte Regeln. Die Haus- und Disziplinarordnungen wurden in Abstimmung zwischen der Kongregation und der Direktion der jeweiligen Fabrik ausgearbeitet. Gebet und Kirchgang waren fest in die Tagesstruktur integriert und die sechs Arbeitstage pro Woche waren bis zu zw\u00f6lf Stunden lang. Verlangt wurden Disziplin und Ordnung, die pers\u00f6nliche Freiheit war streng reglementiert und die Schwestern h\u00e4tten sich, laut der Historikerin Esther Vorburger-Bosshart \u00ab[\u2026] auch bei der Betreuung der M\u00e4dchen in der Freizeit vor allem an der Gewinnmaximierung des Betriebs orientiert [\u2026].\u00bb Eine ehemalige Insassin eines Glarner M\u00e4dchenheims erinnerte sich 2011 in einem Zeitungsinterview an ihre Zeit im Heim und der Fabrik: \u00abDie Schwestern hatten uns unter totaler Kontrolle\u00bb und \u00abes gab einfach nicht viel Gefreutes\u00bb.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large content_bild\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1024\" height=\"726\" src=\"https:\/\/www.kloentaltriennale.ch\/hinterland\/dev\/wp-content\/uploads\/2024\/03\/LAGL_Fot-2-54-14-1024x726.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-3377\" srcset=\"https:\/\/www.kloentaltriennale.ch\/hinterland\/dev\/wp-content\/uploads\/2024\/03\/LAGL_Fot-2-54-14-1024x726.jpg 1024w, https:\/\/www.kloentaltriennale.ch\/hinterland\/dev\/wp-content\/uploads\/2024\/03\/LAGL_Fot-2-54-14-300x213.jpg 300w, https:\/\/www.kloentaltriennale.ch\/hinterland\/dev\/wp-content\/uploads\/2024\/03\/LAGL_Fot-2-54-14-768x544.jpg 768w, https:\/\/www.kloentaltriennale.ch\/hinterland\/dev\/wp-content\/uploads\/2024\/03\/LAGL_Fot-2-54-14.jpg 1400w\" sizes=\"auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><\/figure>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-center has-small-font-size wp-block-paragraph\">Hauseigener Altar des M\u00e4dchenheims in R\u00fcti, 1951. Quelle: Landesarchiv Glarus, FOT 2.54-14<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-center wp-block-paragraph\"><br>Das Aufkommen der Kongregationen<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Doch wer waren diese Ingenbohler Schwestern, die sich mit ihrer auff\u00e4lligen Ordenskleidung und ihrer Strenge in die Erinnerung vieler ehemaliger Insass*innen von Heimen und Anstalten in der Schweiz eingebrannt haben? Zusammen mit einer grossen Zahl weiterer Kongregationen wurden sie im 19. Jahrhundert als Reaktion auf die Industrialisierung und die sich dadurch schnell ver\u00e4ndernden und vielerorts verschlechternden sozialen Verh\u00e4ltnisse gegr\u00fcndet. \u00dcberall in Europa entstanden Ordensinstitute \u2013 oftmals aufgebaut von m\u00e4nnlichen Ordensleuten oder Priestern \u2013 und tausende junge Frauen traten in diese ein.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Weshalb sich Frauen f\u00fcr einen Eintritt in eine Kongregation entschieden, konnte verschiedene Gr\u00fcnde haben. Neben der religi\u00f6sen Motivation oder dem Gef\u00fchl einer Berufung zum Leben als Ordensschwester d\u00fcrfte insbesondere die M\u00f6glichkeit, einen Beruf zu erlernen und auszu\u00fcben und gleichzeitig ein gemeinschaftliches Leben zu f\u00fchren \u2013 ausserhalb der Enge einer m\u00e4nnlich dominierten b\u00fcrgerlichen Familie \u2013 f\u00fcr viele Frauen von besonderer Bedeutung gewesen sein.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">In den Kongregationen wurden die jungen Frauen f\u00fcr eine T\u00e4tigkeit im Bereich der katholischen Sozialf\u00fcrsorge ausgebildet und schlussendlich in die unz\u00e4hligen, ebenfalls zur gleichen Zeit aufkommenden katholischen Anstalten geschickt, wo sie f\u00fcr die Betreuung von Waisen, Menschen mit Behinderungen, Alten, Armen oder eben auch Arbeiterinnen zust\u00e4ndig waren. Damit wurde versucht, die sozialen Probleme in einer Zeit, in der die Industriebetriebe aus dem Boden schossen und deren Bedarf nach billigen Arbeitskr\u00e4ften tausende Menschen sozial entwurzelte, etwas abzufedern.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large content_bild\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1024\" height=\"724\" src=\"https:\/\/www.kloentaltriennale.ch\/hinterland\/dev\/wp-content\/uploads\/2024\/03\/LAGL_Fot-2-54-11-1024x724.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-3378\" srcset=\"https:\/\/www.kloentaltriennale.ch\/hinterland\/dev\/wp-content\/uploads\/2024\/03\/LAGL_Fot-2-54-11-1024x724.jpg 1024w, https:\/\/www.kloentaltriennale.ch\/hinterland\/dev\/wp-content\/uploads\/2024\/03\/LAGL_Fot-2-54-11-300x212.jpg 300w, https:\/\/www.kloentaltriennale.ch\/hinterland\/dev\/wp-content\/uploads\/2024\/03\/LAGL_Fot-2-54-11-768x543.jpg 768w, https:\/\/www.kloentaltriennale.ch\/hinterland\/dev\/wp-content\/uploads\/2024\/03\/LAGL_Fot-2-54-11.jpg 1400w\" sizes=\"auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><\/figure>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-center has-small-font-size wp-block-paragraph\">Junge Frauen des M\u00e4dchenheims in R\u00fcti in Begleitung von zwei Ordensschwestern, 1952. Quelle: Landesarchiv Glarus, FOT 2.54-11<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Kongregationen waren anders aufgebaut als die jahrhundertealten, sogenannt monastischen Orden. Ihre Mitglieder galten aus kirchlicher Perspektive als \u00abSchwestern\u00bb und nicht als \u00abNonnen\u00bb. Diese Abgrenzung war wichtig, damit sich die Schwestern nicht an die f\u00fcr Nonnen vorgesehenen strikten Tages- und Gebetsrhythmen halten mussten, die eine gleichzeitige weltliche T\u00e4tigkeit verunm\u00f6glicht h\u00e4tten. So erst konnten sie ihre langen Arbeitstage ohne permanente Unterbrechungen leisten. Das Gebet war weiterhin wichtig, aber stand nicht mehr \u00fcber der Bet\u00e4tigung der Schwestern in der Gesellschaft. Im Gegensatz zu den monastischen Orden war f\u00fcr einen Eintritt in eine Kongregation auch nicht unbedingt eine grosse Mitgift n\u00f6tig, die Schwestern finanzierten ihr Leben in der Kongregation durch ihre Arbeitsleistung.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Ingenbohler Schwestern wurden \u2013 wie auch die im Glarnerland ebenfalls pr\u00e4senten Menzinger Schwestern \u2013 vom Kapuzinerpater Theodosius Florentini gegr\u00fcndet. Als eine der herausragenden Gestalten des Schweizer Katholizismus des 19. Jahrhunderts versuchte er, katholische Antworten auf die dr\u00e4ngenden sozialen Fragen seiner Zeit zu entwickeln. Der Kampf gegen die Armut sollte nach ihm in erster Linie \u00fcber eine Umgestaltung des Fabrik- und Industriewesens laufen. Der Misere grosser Teile der Bev\u00f6lkerung h\u00e4tte nach Florentini mit der Schaffung von Arbeitspl\u00e4tzen begegnet werden sollen \u2013 nicht nur mit Spenden und Almosen im Sinne der etablierten katholischen \u00abCaritas\u00bb. In seiner Vorstellung sah er die Fabriken zu Kl\u00f6stern werden, in denen die Arbeiter und Arbeiterinnen mit Fleiss und Ordnung ein christliches Leben f\u00fchrten. Zu diesem Zweck sandte er seine Kongregationsschwestern hinaus, um die katholischen Tugenden und den christlichen Glauben in die Industrie und deren Arbeiterschaft zu tragen. Mehrere Male kaufte er selbst stillgelegte Fabriken, um in diesen \u00abverwahrloste\u00bb Kinder zu besch\u00e4ftigen und katholisch zu erziehen. Diese Versuche scheiterten aber an seinen mangelnden unternehmerischen Kenntnissen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-center wp-block-paragraph\"><br>Die Kongregationen als \u00abkirchliche Unternehmen\u00bb<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Damit zeigt sich allerdings deutlich, dass die grossen katholischen Kongregationen nicht nur eine Antwort, sondern auch eine Folge der rasanten \u00f6konomischen Entwicklung und der gesellschaftlichen Ver\u00e4nderungen im 19. Jahrhundert waren. Mit ihnen hielten unternehmerische Leitideen und \u00f6konomische Denkmuster, beispielsweise das Ziel eines m\u00f6glichst effizienten Umgangs mit Ressourcen oder die Idee, dass \u00fcber Leistung und Disziplin das eigene Wohl verbessert werden k\u00f6nne, in die althergebrachten kirchlichen Strukturen Einzug. Der Kapitalismus machte also vor der Kirche nicht halt. Mit den Kongregationen entstanden, so k\u00f6nnte man sagen, kirchliche Unternehmen, deren Mitglieder eine kirchliche Arbeiterschaft bildeten, die mehrheitlich weiblich war.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die grossen Kongregationen bestanden in der Regel aus einem sogenannten \u00abMutterhaus\u00bb, dem eine Generaloberin vorstand. Diese zentrale F\u00fchrung kontrollierte die Niederlassungen der Kongregation, bildete den Nachwuchs aus, verwaltete das Verm\u00f6gen und f\u00fchrte Verhandlungen \u00fcber Einsatzort und Einsatzdauer, Verg\u00fctung und Arbeitsbedingungen der Schwestern. Dabei stand das Wohlergehen der Schwestern selten im Vordergrund. Vollst\u00e4ndig vom Willen der Generaloberin abh\u00e4ngig, arbeiteten sie \u00e4usserst hart. Die Historikerin Gisela Fleckenstein schreibt \u00fcber die Lage der Schwestern im 19. Jahrhundert: \u00abIhre Arbeitskraft wurde oft bis an den Rand der Ersch\u00f6pfung beansprucht, was in vielen Kongregationen zu einer \u00fcberproportional hohen Sterblichkeit f\u00fchrte.\u00bb<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Wenn sich auch die Kongregationen im Verlauf des 20. Jahrhunderts teilweise anpassten und die Arbeitsbedingungen geringf\u00fcgig verbesserten, so \u00e4nderte sich an der Grundstruktur des Engagements der Schwestern wenig: Es war schlecht entl\u00f6hnte, anstrengende Arbeit, die oftmals bis weit \u00fcber die Belastungsgrenze eingefordert wurde. Die Kongregationen ben\u00f6tigten dadurch einen permanenten Nachschub an neuen jungen Frauen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Gleichzeitig hatten das Aufkommen und die T\u00e4tigkeit der Kongregationen \u2013 wie bereits erw\u00e4hnt \u2013 auch eine emanzipatorische Komponente. Als Gegenmodell zur b\u00fcrgerlichen Vorstellung weiblicher T\u00e4tigkeitsfelder, die sich meist auf die Familie beschr\u00e4nkten, waren die Kongregationen mit ihrem gemeinschaftlichen Leben und der M\u00f6glichkeit einer Berufst\u00e4tigkeit auf ihre eigene Weise attraktiv f\u00fcr gewisse junge Frauen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-center wp-block-paragraph\"><br>Der langsame Niedergang<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Doch wie f\u00fcr die Glarner Textilindustrie sollten auch f\u00fcr die katholischen Kongregationen im Verlauf des 20. Jahrhunderts schwierige Zeiten anbrechen. Noch in der ersten H\u00e4lfte des Jahrhunderts waren die Schweizer Institute stark gewachsen. Dies ver\u00e4nderte sich allerdings nach dem Zweiten Weltkrieg. Die Zahl der Ingenbohler Schwestern nahm bereits seit 1941 ab, bei den Menzinger Schwestern begannen die Mitgliederzahlen ab den 1960er-Jahren rasant zu sinken.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Nachfrage nach Ordensschwestern im Heim- und Anstaltswesen war aufgrund der Hochkonjunktur der Schweizer Wirtschaft in den 1950er-Jahren nochmals stark gestiegen. Doch das Nachwuchsproblem f\u00fchrte dazu, dass die Kongregationen immer mehr Niederlassungen schliessen mussten. Yves Demuth schreibt in Bezug auf das Zusammenspiel von Kongregationen und Industrie: \u00abDie Fabrikheime stellte das vor erhebliche Probleme, denn die Ordensschwestern konnte man nicht so einfach ersetzen. Sie haben dort fast gratis gearbeitet, weil sie beim Klostereintritt auf ein Leben in Armut geschworen haben.\u00bb<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large content_bild\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1024\" height=\"767\" src=\"https:\/\/www.kloentaltriennale.ch\/hinterland\/dev\/wp-content\/uploads\/2024\/03\/LAGL_Fot-2-54-12-1024x767.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-3379\" srcset=\"https:\/\/www.kloentaltriennale.ch\/hinterland\/dev\/wp-content\/uploads\/2024\/03\/LAGL_Fot-2-54-12-1024x767.jpg 1024w, https:\/\/www.kloentaltriennale.ch\/hinterland\/dev\/wp-content\/uploads\/2024\/03\/LAGL_Fot-2-54-12-300x225.jpg 300w, https:\/\/www.kloentaltriennale.ch\/hinterland\/dev\/wp-content\/uploads\/2024\/03\/LAGL_Fot-2-54-12-768x575.jpg 768w, https:\/\/www.kloentaltriennale.ch\/hinterland\/dev\/wp-content\/uploads\/2024\/03\/LAGL_Fot-2-54-12.jpg 1400w\" sizes=\"auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><\/figure>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-center has-small-font-size wp-block-paragraph\">Gruppenfoto des M\u00e4dchenheims in R\u00fcti, 1954. Quelle: Landesarchiv Glarus, FOT 2.54-12<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Gleichzeitig ver\u00e4nderte sich die Schweizer Gesellschaft rasant. Mit der 68er-Bewegung kam es zu einer gesellschaftlichen Liberalisierung, die mit neuen Perspektiven auf Erziehung und einem erh\u00f6hten Anspruch auf pers\u00f6nliche Freiheiten einherging. In diesem Zug kam auch das Heim- und Versorgungssystem in der Schweiz immer st\u00e4rker in die Kritik. Ausserdem tauchten ab den sp\u00e4ten 1950er-Jahren vermehrt Berichte \u00fcber Missst\u00e4nde in diversen Fabrik- und Erziehungsheimen auf, in denen die Insassen und Insassinnen teilweise gefesselt, eingesperrt oder k\u00f6rperlich misshandelt wurden.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Aus diesen Gr\u00fcnden kam es ab den 1960er-Jahren immer h\u00e4ufiger zur Abgabe respektive \u00dcbergabe der von den Kongregationen in Heimen, Schulen oder Spit\u00e4lern erbrachten Leistungen. In den 1980er-Jahren war dieser Prozess mehrheitlich abgeschlossen und die Kongregationen hatten ihre gesellschaftliche Stellung eingeb\u00fcsst.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-center wp-block-paragraph\"><br>Die Industrie, die Heime und die Welt im Wandel<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">In den M\u00e4dchenheimen der Glarner Textilindustrie nach dem Zweiten Weltkrieg trafen also zwei Gruppen von Frauen aufeinander, die auf den ersten Blick unterschiedlicher nicht h\u00e4tten sein k\u00f6nnen: Religi\u00f6se, strenge Ordensschwestern kontrollierten das Leben der jungen Arbeiterinnen, deren Drang oftmals nach pers\u00f6nlicher Freiheit stand und die den Aufenthalt im Tal als einengend empfanden. Auf den zweiten Blick zeigen sich aber auch wichtige Gemeinsamkeiten: Auch wenn die einen \u00fcber die anderen wachten, so wurden doch beide Frauengruppen in erster Linie als billige Arbeitskr\u00e4fte eingesetzt und beiden wurde ein spezifischer Platz in der Industriegesellschaft zugewiesen. Sie waren f\u00fcr die textile Produktion w\u00e4hrend langer Zeit praktisch unersetzbar.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Glarner \u00abM\u00e4dchenheime\u00bb bieten uns zudem einen interessanten Blick auf die sich in der Nachkriegszeit rasant ver\u00e4ndernde Welt. Auf der einen Seite sehen wir die das Tal pr\u00e4gende Industrie, welche die globale Konkurrenz im Verlauf des 20. Jahrhunderts immer st\u00e4rker zu sp\u00fcren bekam. Die Textilproduktion verlagerte sich zunehmend \u2013 unter dem Druck von arbeitsrechtlichen Verbesserungen, verst\u00e4rkten Umweltschutzauflagen und damit einhergehend steigenden Lohn- und Produktionskosten \u2013 aus Europa in diverse L\u00e4nder des Globalen S\u00fcdens, in denen weiterhin tiefe L\u00f6hne gezahlt und lange Arbeitstage eingefordert werden konnten und weniger Umweltschutzvorschriften eingehalten werden mussten. In der globalen Textilproduktion werden bis heute vielfach Frauen besch\u00e4ftigt, die unter schlechten Bedingungen und f\u00fcr \u00e4usserst geringe L\u00f6hne arbeiten. Und bis heute profitiert die Textilbranche von der Ausbeutung und Entrechtung weiblicher Arbeitskr\u00e4fte.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Auf der anderen Seite sehen wir die Verwalterinnen der an die Industrie angegliederten M\u00e4dchenheime \u2013 die Kongregationen \u2013 die sich im 19. Jahrhundert als international t\u00e4tige Netzwerke aufgestellt hatten, und die damals im Aufbau der neuen wirtschaftlichen und sozialen Realit\u00e4ten in Europa kr\u00e4ftig mitmischten. Ihr Einfluss begann in der zweiten H\u00e4lfte des 20. Jahrhunderts rapide zu schwinden und irgendwann konnten sie in der Schweiz kaum mehr junge Frauen f\u00fcr einen Eintritt in das Ordensleben begeistern. Von den knapp 3000 Ingenbohler Schwestern, die es heute noch gibt, leben nurmehr 300 in der Schweiz. Der gr\u00f6sste Teil lebt in Niederlassungen in \u00fcber zwanzig anderen L\u00e4ndern. Viele der Schwestern finden sich beispielsweise in Indien oder Uganda, wo sie sich in erster Linie aus der lokalen Bev\u00f6lkerung rekrutieren.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Textilindustrie und die Kongregationen entwickelten sich also mit erstaunlichen Parallelen und traten in der Schweiz etwa gleichzeitig in eine Phase des langsamen, kontinuierlichen Niedergangs ein. Und auch wenn Spuren und gewisse Reste von beiden bis heute vorhanden sind, so haben sie mittlerweile ihre gesellschaftliche Bedeutung in den Verwerfungen einer sich globalisierenden Wirtschaft und den damit einhergehenden gesellschaftlichen Ver\u00e4nderungen gr\u00f6sstenteils eingeb\u00fcsst.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-center wp-block-paragraph\">Literatur:<\/p>\n\n\n\n<ul class=\"wp-block-list\">\n<li>Demuth, Yves (2021, 26. August). Akte B\u00fchrle: Zwangsarbeit in der Spinnerei. <em>Beobachter<\/em>.<br><a href=\"https:\/\/www.beobachter.ch\/gesellschaft\/akte-buhrle-zwangsarbeit-in-der-spinnerei-347069\">https:\/\/www.beobachter.ch\/gesellschaft\/akte-buhrle-zwangsarbeit-in-der-spinnerei-347069<\/a>. Abgerufen am 28.11.2023.<\/li>\n\n\n\n<li>Demuth, Yves (2023). <em>Schweizer Zwangsarbeiterinnen. Eine unerz\u00e4hlte Geschichte der Nachkriegszeit<\/em>. Beobachter Edition.<\/li>\n\n\n\n<li>Fleckenstein, Gisela (2021). Fr\u00fchling der Frauenkongregationen. Anmerkungen zur Gr\u00fcndung sozial-karitativer Gemeinschaften im 19. Jahrhundert. In Brodkorb, Clemens &amp; Burkhard, Dominik (Hrsg.): <em>Neue Aspekte einer Geschichte des kirchlichen Lebens: zum 10. Todestag von Erwin Gatz<\/em>. Schnell &amp; Steiner.<\/li>\n\n\n\n<li>Honegger, Susan (2022). <em>Spinnerei<\/em>. Baeschlin Verlag.<\/li>\n\n\n\n<li>Vorburger-Bossart, Esther (2018). <em>Ordensschwestern in der Ostschweiz im 20. Jahrhundert<\/em>. Theologischer Verlag Z\u00fcrich. <a href=\"https:\/\/doi.org\/10.5281\/zenodo.3903396,%2010.34313\/978-3-290-18143-7\">https:\/\/doi.org\/10.5281\/zenodo.3903396, 10.34313\/978-3-290-18143-7<\/a>.<\/li>\n\n\n\n<li>Winata, Ageng (2006). <em>Arbeiterinnenheime im Kanton St. Gallen. Fabrikkl\u00f6ster der Textilindustrie<\/em>. Lizenziatsarbeit. Universit\u00e4t Z\u00fcrich.<strong><\/strong><\/li>\n\n\n\n<li>Wintle, Tina (2011, 21. Dezember). Appell an die Einfachheit. <em>Glarner Woche<\/em>, S. 9.<strong><\/strong><\/li>\n<\/ul>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ein besonderer Dank geht an Claudia Kock Marti und Susanne Peter-Kubli f\u00fcr die Unterst\u00fctzung bei der Recherche.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Textilarbeiterinnen im Kanton Glarus in der Obhut katholischer Kongregationen Die Geschichte des einst stolzen Textilstandorts Glarus ist auch eine Geschichte der Migration. 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