{"id":3412,"date":"2024-04-27T12:30:53","date_gmt":"2024-04-27T10:30:53","guid":{"rendered":"https:\/\/www.kloentaltriennale.ch\/hinterland\/dev\/?p=3412"},"modified":"2024-07-26T17:36:45","modified_gmt":"2024-07-26T15:36:45","slug":"wenn-peripherien-zu-zentren-werden","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.kloentaltriennale.ch\/hinterland\/dev\/?p=3412","title":{"rendered":"WENN PERIPHERIEN ZU ZENTREN WERDEN"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"has-text-align-center\"><\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<p>Welche Bilder tauchen auf, wenn wir an Peripherien denken? Das verlassene Bergtal, aus dem seit Jahrzehnten die Mehrzahl der Einwohner*innen abgewandert sind und in das nur noch dank der Zweitwohnungen ab und zu Leben einkehrt? Oder denken wir an die Menschen, die in peripheren Berggemeinden engagiert und aktiv daran arbeiten, die Peripherie lebendig zu halten? Da ist zum Beispiel die junge IT-Programmiererin, die regelm\u00e4ssig ins Berggebiet reist, um dort in Ruhe an ihren Projekten zu arbeiten. Oder der Unternehmer, der einer ehemaligen Fabrik neues Leben einhaucht und dort ein Gesundheitszentrum, neue Wohnungen und ein Caf\u00e9 etabliert. In der wirtschaftsgeographischen Forschung am Geographischen Institut der Universit\u00e4t Bern wird analysiert, wie sich die Entwicklung von Peripherien zu Zentren gestaltet. Den Fokus legen die Autor*innen Ellena Brandner, Reto B\u00fcrgin und Heike Mayer auf die Auswirkungen neuer Technologien und Arbeitspraktiken, also auf die sogenannte digitale Multilokalit\u00e4t, die es Menschen erm\u00f6glicht, ortsunabh\u00e4ngig zu arbeiten. Untersucht werden auch Projekte, die das Potenzial haben, zu sogenannten Mountain Hubs zu werden.<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<details class=\"wp-block-details is-layout-flow wp-block-details-is-layout-flow\"><summary>Digitale Multilokalit\u00e4t<\/summary>\n<p>Mit dem Begriff digitale Multilokalit\u00e4t konzentrieren sich die Autor*innen auf Arbeitspraktiken an mehreren Standorten, die digitale Technologien nutzen. Der Begriff umfasst verschiedene Terminologien, die in der Literatur in Bezug auf multilokale Arbeitsarrangements verwendet werden. Dar\u00fcber hinaus versteht sich dieser Begriff als ein breiteres Konzept, das auch das Zusammenspiel mehrerer Arbeitspl\u00e4tze (z. B. an einem zentralen Ort versus an einem peripheren Ort; auf dem Land versus in der Stadt) und die Einfl\u00fcsse der entsprechenden geografischen Umgebungen ber\u00fccksichtigt.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Frage, wie Peripherien Zentralit\u00e4ten schaffen k\u00f6nnen, begleitet nicht nur die Forschung, sie ist auch relevant in der Praxis. Der Rat f\u00fcr Raumordnung (ROR), eine ausserparlamentarische Kommission, die den Bundesrat in Fragen der Raumentwicklung ber\u00e4t, ver\u00f6ffentlichte Anfang 2024 den Bericht <a href=\"https:\/\/www.admin.ch\/gov\/de\/start\/dokumentation\/medienmitteilungen.msg-id-100141.html\">\u00abLebendige Peripherien in der Schweiz: Transformation gemeinsam gestalten\u00bb<\/a>. <\/p>\n<\/details>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<p>Mit diesem Bericht l\u00e4dt der Rat zu einem Perspektivenwechsel ein, denn Peripherien wurden in der Vergangenheit immer als r\u00fcckst\u00e4ndig und abgeh\u00e4ngt (Stichwort Alpine Brache) betrachtet. Die Sicht des ROR ist neu und soll zum Denken anregen. Er argumentiert, dass Peripherien heterogen und eben nicht nur in den Berggebieten und l\u00e4ndlichen R\u00e4umen der Schweiz zu finden sind, sondern dass es auch Peripherien in den St\u00e4dten, in den Agglomerationen und unter den Regionalzentren gibt. Ausserdem erkennt der ROR, dass es schon jetzt lebendige Peripherien gibt, in denen sich Menschen f\u00fcr die Zukunft engagieren und transformative Prozesse anstossen. Der ROR empfiehlt, dass Politik, Gesellschaft und Wirtschaft die Herausforderung aufgreifen, wie in den unterschiedlichen Peripherien Zentralit\u00e4ten geschaffen werden k\u00f6nnen und er ruft zu einem Dialog und zu einem Miteinander zwischen Stadt und Land sowie Berg und Tal auf.<\/p>\n\n\n\n<p>Gerade jetzt, in einer Zeit, in der sich die Gesellschaft aufgrund neuer digitaler M\u00f6glichkeiten und neuer Arbeits- und Lebensstilen stark ver\u00e4ndert, aber auch allf\u00e4llige Gr\u00e4ben tiefer gegraben werden, haben Peripherien die Chance, nicht mehr nur Rand- und Zwischenr\u00e4ume zu sein, sondern sich (zumindest zeitweise) ins Zentrum zu r\u00fccken. Im Folgenden gehen wir auf zwei Aspekte dieser neuen Art von Zentralit\u00e4t ein: Die digitale Multilokalit\u00e4t, die Menschen nutzen, um in Ruhe im Berggebiet zu arbeiten und die ihnen hilft, sich dank digitaler Technologien im Austausch mit den Zentren zu stehen. Und Mountain Hubs, zentrale Orte im Berggebiet, die verschiedene Aspekte des Lebens vereinbaren und neue Zentralit\u00e4ten schaffen k\u00f6nnen.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-center\"><br>W\u00e4hlscheibentelefon und Schreibmaschine \u2013 wie die Zeit vergeht<\/p>\n\n\n\n<p>Der technische Fortschritt ging auch an B\u00fcros nicht spurlos vorbei. Telefone mit Schnur und W\u00e4hlscheibe, Schreibmaschinen oder Papier und Zeichenstifte wichen Smartphones, Laptops und Tablets. Die moderne Technik, Internet und die Digitalisierung haben den klassischen B\u00fcroarbeitsplatz grundlegend ver\u00e4ndert und sind weiterhin Motoren f\u00fcr diese Entwicklungen.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Digitalisierung und neue, ortsungebundene Arbeitsformen brachten die Arbeitswelt wortw\u00f6rtlich in Bewegung. Sie wirken sich auch auf die individuelle Mobilit\u00e4t und den Raum aus. W\u00e4hrend noch vor wenigen Jahren der klassische, station\u00e4re B\u00fcroalltag dominierte, erlauben uns heute Laptop und Smartphone ein ortsunabh\u00e4ngiges Arbeiten \u2013 wer mag, kann auch in einer H\u00e4ngematte am Strand eine Mail schreiben. Ein Internetanschluss oder eine 5G-Verbindung sind zwar von Vorteil, jedoch nicht zwingend n\u00f6tig. Diese technischen Hilfsmittel erm\u00f6glichen es, das B\u00fcro ins Homeoffice oder in Co-Working Spaces, in die Bahn oder auf die gr\u00fcne Wiese zu verlegen. Ob in der Stadt oder im fern abgelegenen Bergtal, wir k\u00f6nnen derselben Arbeit nachgehen \u2013 so der allgemeine Eindruck.<\/p>\n\n\n\n<p>Nicht zuletzt hat auch die Corona-Pandemie gezeigt, dass es m\u00f6glich ist, abseits vom station\u00e4ren B\u00fcroarbeitsplatz der Arbeit nachzugehen. Viele Arbeitgebende investierten in digitale Infrastrukturen und neue Arbeitsmodelle setzten sich durch. W\u00e4hrend die Resonanzen von Arbeitgebenden vor der Pandemie eher negativ auf ortsungebundene Arbeitsmodelle ausfielen, scheint sich immer mehr ein Sinneswandel abzuzeichnen. Arbeitgebende wurden und werden offener und f\u00f6rdern sogar neue, flexible und ortsungebundene Arbeitsweisen.<\/p>\n\n\n\n<p>Es ist jedoch festzuhalten, dass nicht alle Arbeitnehmenden nun einfach ortsunabh\u00e4ngig ihrer Arbeit nachgehen k\u00f6nnen. In der Schweiz sind das nur rund die H\u00e4lfte aller Arbeitst\u00e4tigen. Die andere H\u00e4lfte ist nach wie vor an ihren Arbeitsplatz gebunden. Sie bet\u00e4tigen etwa Maschinen vor Ort, verkaufen Waren oder stapeln Ziegelstein auf Ziegelstein. Trotz des starken Aufkommens der neuen Arbeitsweisen ist es nach wie vor wichtig zu beachten, dass dies nicht auf die gesamte Arbeitnehmer*innenschaft zutrifft. So ist die Realit\u00e4t hinter dem Hype auch ern\u00fcchternd.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-center\"><br>Mit dem Laptop in die Bergwelt<\/p>\n\n\n\n<p>Warum sollte jemand der Arbeit zeitweise in den Bergen nachgehen? Was sind die Vor- und Nachteile dieses Szenenwechsels f\u00fcr die Wissensarbeit? Und worin unterscheiden sich die Arbeitstage in der Stadt und auf dem Berg? Wie gehen digital und multilokal Arbeitende mit der Distanz zur Firma im Zentrum um? Und inwiefern sind sie in der Bergwelt verankert? Solchen Fragen ging ein vom Schweizerischen Nationalfonds gef\u00f6rdertes Projekt der Autor*innen \u00fcber die digitale Multilokalit\u00e4t nach.<\/p>\n\n\n\n<p>F\u00fcr die Erforschung von Digitalisierung und neuen Arbeitsmethoden sind neue, unkonventionelle Methoden gefragt. Um die zahlreichen Facetten digitaler Multilokalit\u00e4t zu untersuchen, verwendeten die Forscher*innen einen Methodenmix aus analogen und digitalen sowie qualitativen und quantitativen Methoden: Lokationstracking, Laptoptracking, Smartphonetracking, digitale Tageb\u00fccher, teilnehmende Beobachtungen und Interviews.<\/p>\n\n\n\n<details class=\"wp-block-details is-layout-flow wp-block-details-is-layout-flow\"><summary>Innovative Methoden<\/summary>\n<p>Innovative Methoden: Die Studienteilnehmenden wurden zun\u00e4chst angehalten, ihre Arbeit in der Stadt und in den Bergen an jeweils f\u00fcnf Arbeitstagen aufzuzeichnen und zeitgleich einen Tagebucheintrag \u00fcber ihre Arbeit zu verfassen. Nach der Auswertung dieser Daten gingen die Autor*innen mit den Studienteilnehmenden gemeinsam an ihren peripheren Arbeitsplatz und diskutierten ihre Aufzeichnungen. So konnten Fragen zur Arbeitsweise basierend auf statistischen Daten gezielt formuliert werden. Das sorgte f\u00fcr mehr Tiefe. Und f\u00fcr \u00dcberraschungen.<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n<\/details>\n\n\n\n<p>Die Studie zeigt, dass eine bessere Work-Life-Balance und ungest\u00f6rtes Arbeiten in den Bergen sehr gut m\u00f6glich sind. Die Teilnehmenden waren allesamt Bef\u00fcrworter*innen der multilokalen Arbeitsweise zwischen Stadt und Berg. Sich zeitweise in die Berge zur\u00fcckziehen, abseits vom Team und den kontrollierenden Blicken von Vorgesetzten in der Stadt, erm\u00f6glicht ihnen eine andere Art zu arbeiten, die sehr gesch\u00e4tzt wird. Die multilokalen Wissensarbeitenden fokussieren in den Bergen l\u00e4nger auf ihre Aufgaben, jedoch mit mehr Unterbr\u00fcchen. Generell nutzen sie weniger den Laptop und das Smartphone f\u00fcr ihre Arbeit. Die Berge scheinen dazu zu animieren, auch Gedankeng\u00e4nge mit Stift auf Papier zu skizzieren.<\/p>\n\n\n\n<p>Der st\u00e4dtische und der periphere Arbeitsplatz sind jedoch nicht losgel\u00f6st voneinander. Sie wechseln sich in einem wiederkehrenden Zyklus ab. Am st\u00e4dtischen Arbeitsplatz wird kreativ und physisch im Team gearbeitet. Der Rucksack wird mit Arbeit angef\u00fcllt. In den Bergen wird er geleert und angestaute Pendenzen werden abgearbeitet. Dies geht viel besser aufgrund der h\u00f6heren Arbeitsmotivation und -moral sowie der besseren Work-Life-Balance. Dann geht es wieder in die Stadt und der Zyklus beginnt von vorne. An keinem der beiden Orte arbeitet es sich besser, sondern anders. Die Berge sind R\u00fcckzugsorte. Die Abgeschiedenheit ist eine wichtige Eigenschaft davon. Die St\u00e4dte hingegen funktionieren eher als kreative Zentren.<\/p>\n\n\n\n<p>Die multilokalen Wissensarbeiter*innen sind nicht komplett von der Stadt losgel\u00f6st, wenn sie in den Bergen arbeiten. Sie sind punktuell und dank der Informations- und Kommunikationstechnologien mit den Mitarbeitenden und Vorgesetzten im st\u00e4dtischen Arbeitsumfeld verbunden und schaffen immer wieder tempor\u00e4re N\u00e4he. Dadurch entstehen Stadt-Land-Verbindungen \u2013 nicht nur physisch durch die Reise in die Berge, sondern auch im digitalen Raum. Dies geschieht auf ganz unterschiedliche Weise. Entweder kontaktieren sie aktiv eine Person oder sie zeigen passive N\u00e4he, indem sie m\u00f6gliche Erreichbarkeit symbolisieren. Andererseits k\u00f6nnten sie den Laptop und das Smartphone ausschalten und somit s\u00e4mtliche digitalen Kontakte vermeiden.<\/p>\n\n\n\n<p>Nun l\u00e4sst sich jedoch vermuten oder zumindest erhoffen, dass sich Vorteile f\u00fcr die Bergbewohner*innen ergeben, wenn solche multilokalen Wissensarbeitenden f\u00fcr ein paar Tage in die Bergwelt reisen. Entgegen den Erwartungen der Forschenden zeigte sich jedoch ein Bild der Ern\u00fcchterung. So sind die multilokalen Arbeitenden \u00f6konomisch kaum mit der lokalen Bev\u00f6lkerung in den Bergen verbunden. Und es konnten zwischen den Studienteilnehmenden und den Bergbewohner*innen keine neuen Projekte, keine gemeinsamen Innovationen erkannt werden. Die Arbeit wird in die Berge mitgenommen, wo sie dann abgearbeitet wird. Im sozialen Bereich zeigte sich hingegen, dass die Studienteilnehmenden zumindest teilweise eng mit den Menschen in den Bergen verbunden sind. Meist nutzen sie die Reise, um auch Bekannte, Verwandte oder Freunde zu treffen. Somit sind sie zwar sozial eingebunden, \u00f6konomische Auswirkungen m\u00fcssen sich nebst dem Einkauf im Dorfladen und dem Restaurantbesuch jedoch erst noch etablieren.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large content_bild\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1024\" height=\"442\" src=\"https:\/\/www.kloentaltriennale.ch\/hinterland\/dev\/wp-content\/uploads\/2024\/04\/1-1024x442.png\" alt=\"\" class=\"wp-image-3414\" srcset=\"https:\/\/www.kloentaltriennale.ch\/hinterland\/dev\/wp-content\/uploads\/2024\/04\/1-1024x442.png 1024w, https:\/\/www.kloentaltriennale.ch\/hinterland\/dev\/wp-content\/uploads\/2024\/04\/1-300x130.png 300w, https:\/\/www.kloentaltriennale.ch\/hinterland\/dev\/wp-content\/uploads\/2024\/04\/1-768x332.png 768w, https:\/\/www.kloentaltriennale.ch\/hinterland\/dev\/wp-content\/uploads\/2024\/04\/1-1536x663.png 1536w, https:\/\/www.kloentaltriennale.ch\/hinterland\/dev\/wp-content\/uploads\/2024\/04\/1-2048x884.png 2048w\" sizes=\"auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><\/figure>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-center has-small-font-size\">Mit dem Laptop in die idyllische Bergwelt \u2013 eine neue Realit\u00e4t? (Grafik: Valentin R\u00fcegg, 2023)<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-center\"><br>Mountain Hubs \u2013 Neue Zentren in den Peripherien?<\/p>\n\n\n\n<p>St\u00e4dtische Zentren waren bisher definiert als \u00abMotoren\u00bb der Entwicklung und Orte der Macht, die die Ressourcen aus peripheren R\u00e4umen absch\u00f6pfen und verarbeiten. Diese Dichotomie zwischen Zentrum und Peripherie hat sich in den letzten Jahren stark gewandelt. Zwar sind beide Gegenst\u00fccke notwendig, aber der Diskurs ist heute ein anderer, sodass Peripherien und deren einzigartige Charakteristiken differenzierter betrachtet und wertgesch\u00e4tzt werden. Fernab der Beobachtung und den Vorgaben des Zentrums, k\u00f6nnen Menschen kreativ und innovativ sein. Peripherien k\u00f6nnen deshalb als Chancenr\u00e4ume gesehen werden, die losgel\u00f6st sind vom Mainstream und das Potenzial f\u00fcr Experimente bieten.<\/p>\n\n\n\n<p>Gesellschaftliche Herausforderungen gehen jedoch an Berggebieten nicht spurlos vorbei. Als Folge wandern Dienstleistungen, die f\u00fcr das allt\u00e4gliche Leben notwendig sind, aus peripheren R\u00e4umen ab. Ladenlokale werden geschlossen, der Verlust der Postfiliale und die langwierige Suche nach einer Lehrkraft f\u00fcr die Primarschule pr\u00e4gen das Dorfleben. Mediale Bilder von Berggebieten erzeugen nach wie vor negativ gepr\u00e4gte Narrative von Abwanderung und W\u00fcstungsprozessen von Bergd\u00f6rfern. Dabei ger\u00e4t die Einzigartigkeit peripherer R\u00e4ume und ihren Bewohner*innen in Vergessenheit.<\/p>\n\n\n\n<p>Neben dieser negativen Perspektive werden Peripherien als Chancenr\u00e4ume \u00fcbersehen. Peripherien bieten Freir\u00e4ume und Platz f\u00fcr Kreativit\u00e4t, der in Zentren oftmals Mangelware ist. Menschen in Berggebieten und in peripheren R\u00e4umen sind innovativ und entwickeln fernab der Beobachtung des st\u00e4dtischen Zentrums neue Wege. Losgel\u00f6st von bestehenden Pfaden zu sein, erm\u00f6glicht es, anders zu denken und alternative Ideen zu verwirklichen. Ein Beispiel ist die Entwicklung von Investitionsprojekten, die Zentrumsfunktionen an einem Ort b\u00fcndeln, sogenannte Mountain Hubs.<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<details class=\"wp-block-details is-layout-flow wp-block-details-is-layout-flow\"><summary>Hubs<\/summary>\n<p>Hubs sind definiert als zentrale Orte, die verschiedene Aspekte des Lebens (Mobilit\u00e4t, Arbeit etc.) vereinbaren, Personen verbinden und Interaktionen f\u00f6rdern. Bisher wurden Hubs in l\u00e4ndlichen R\u00e4umen erforscht. Wir definieren Mountain Hubs als zentrale Orte im Schweizer Berggebiet, die unter anderem Infrastrukturen bereitstellen, um die Daseinsgrundfunktionen (z. B. Wohnen, Arbeiten, Freizeit) zu erf\u00fcllen.<\/p>\n<\/details>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<p>Sie adressieren verschiedene Gruppen von Menschen und deren Bed\u00fcrfnisse. Einerseits werden allt\u00e4gliche Funktionen des Alltagslebens wie Wohnen, Arbeiten und Gesundheitsversorgung integriert. Andererseits kann Raum f\u00fcr Kreative und Unternehmer*innen entstehen, die an neuen Projekten arbeiten oder sich austauschen. Mountain Hubs bilden eine Plattform f\u00fcr das Entstehen von neuen Netzwerken und bringen Menschen von \u00fcberall her zusammen. Im Gegensatz zu touristischen Orten wird diese Zentralit\u00e4t ganzj\u00e4hrig hergestellt, sodass best\u00e4ndige Netzwerke entstehen k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n<p>Mountain Hubs sind bisher wenig erforscht. Es stellt sich die Frage, inwiefern dank ihnen neue Zentren in Berggebieten erzeugt werden k\u00f6nnen. Man kann jedoch bereits heute feststellen, dass die Idee und die allm\u00e4hliche Umsetzung Menschen anzieht und vernetzt. Obwohl Mountain Hubs noch mehrheitlich im Entwicklungsprozess und physisch noch kaum sichtbar sind, zeigen sich Auswirkungen auf die Berggemeinden. Planungsprozesse kommen ins Rollen, Menschen treffen sich, neue Ideen f\u00fcr die Umsetzung werden entwickelt und vernetzen Akteur*innen. Es stellt sich also die Frage, ob zentrale Orte immer physisch sein m\u00fcssen und was diese ausmacht. Die Corona-Pandemie und die damit verbundenen Einschr\u00e4nkungen menschlicher Kontakte haben gezeigt, dass zwischenmenschliche Beziehungen und pers\u00f6nlicher Austausch wichtiger denn je sind. Kein Bildschirm kann pers\u00f6nlichen Kontakt und gegenseitige Hilfe ersetzen. Daher stellt sich die Frage, ob Daseinsgrundfunktionen, wie die allt\u00e4gliche Versorgung zwingend Zentralit\u00e4t herstellen. W\u00e4re nicht eher der menschliche Austausch und die Vernetzung durch soziale Beziehungen der eigentliche Treiber von Zentren in Peripherien?<\/p>\n\n\n\n<p>Im Rahmen des Projekts blicken die Autor*innen auch kritisch auf die eigene Rolle als Forschende. Sie stellen fest, dass sie diese Mountain Hubs mit einer Aussenperspektive identifizieren und klassifizieren. Es w\u00e4re auch m\u00f6glich, dass die lokale B\u00e4ckerei eine viel wichtigere Funktion f\u00fcr die Dorfgemeinschaft hat als ein neu gegr\u00fcndeter Mountain Hub. M\u00f6glicherweise werden durch die Mountain Hubs Menschen von anderen Orten angezogen und wieder andere verdr\u00e4ngt, sodass sich das eigentliche Zentrum zwar in die Peripherie verlagert, jedoch einen mehrheitlich unverbundenen, satellitenartigen Charakter beh\u00e4lt.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large content_bild\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1024\" height=\"442\" src=\"https:\/\/www.kloentaltriennale.ch\/hinterland\/dev\/wp-content\/uploads\/2024\/04\/2-1-1024x442.png\" alt=\"\" class=\"wp-image-3415\" srcset=\"https:\/\/www.kloentaltriennale.ch\/hinterland\/dev\/wp-content\/uploads\/2024\/04\/2-1-1024x442.png 1024w, https:\/\/www.kloentaltriennale.ch\/hinterland\/dev\/wp-content\/uploads\/2024\/04\/2-1-300x130.png 300w, https:\/\/www.kloentaltriennale.ch\/hinterland\/dev\/wp-content\/uploads\/2024\/04\/2-1-768x332.png 768w, https:\/\/www.kloentaltriennale.ch\/hinterland\/dev\/wp-content\/uploads\/2024\/04\/2-1-1536x664.png 1536w, https:\/\/www.kloentaltriennale.ch\/hinterland\/dev\/wp-content\/uploads\/2024\/04\/2-1-2048x885.png 2048w\" sizes=\"auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><\/figure>\n\n\n\n<h1 class=\"wp-block-heading\"><a><\/a><strong>&nbsp;<\/strong><\/h1>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-center has-small-font-size\">Mountain Hubs \u2013 Neue Zentren in der Peripherie?\u00a0 (Grafik: Valentin R\u00fcegg, 2023)<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-center\"><br>Alles nur ein Hype?<\/p>\n\n\n\n<p>Was, wenn alles nur ein Hype ist und wir in Zukunft wieder von 9 bis 17 Uhr im B\u00fcro im Zentrum arbeiten werden? Was, wenn die Mountain Hubs finanziell nicht rentieren und niemand permanent in die peripheren Bergregionen ziehen m\u00f6chte? War dann alles nur ein Hype? Eine vorr\u00fcbergehende, multilokale Eintagsfliege? Eher nicht, denn Peripherien waren schon immer Chancenr\u00e4ume f\u00fcr Neues. Peripherien boten schon in der Vergangenheit und werden wohl auch in der Zukunft N\u00e4hrboden f\u00fcr neue Ideen und L\u00f6sungsans\u00e4tze bieten. Die Geschichte der Peripherien ist noch nicht zu Ende erz\u00e4hlt und wird weitergeschrieben von Menschen und deren Visionen \u00fcber die potenzielle Peripherie der Zukunft.<\/p>\n\n\n\n<p>So k\u00f6nnen die Forscher*innen zum jetzigen Zeitpunkt noch kaum wissenschaftlich fundierte Aussagen dar\u00fcber treffen, ob die oben beschriebenen Tendenzen mehr als nur ein Hype sind. Ob die Mountain-Hub-Projekte gelingen werden und ob multilokales Arbeiten zu unserer neuen Lebensrealit\u00e4t wird, muss sich erst noch weisen. Die Projekte erhellen punktuell das periphere Potenzial. Sicher ist, dass Peripherien zu Transformationsr\u00e4umen werden k\u00f6nnen und den N\u00e4hrboden f\u00fcr neue Ideen, Strategien und L\u00f6sungsans\u00e4tze bieten. Peripherien k\u00f6nnen R\u00e4ume f\u00fcr eine nachhaltige Zukunft werden, indem sie beispielsweise zur Energiewende beitragen oder die Lebensmittelproduktion transformieren. Auch k\u00f6nnen sie Teil neuer Lebensentw\u00fcrfe sein, wie die Forschung zur Multilokalit\u00e4t zeigt. Das Neudenken von unausgesch\u00f6pftem Potenzial wie das Nachnutzen von bestehenden Infrastrukturen erfordert Kreativit\u00e4t und Wille zur Ver\u00e4nderung. Menschen, die in Peripherien leben, sind entscheidend, um Ver\u00e4nderung anzustossen. Deren Engagement und Kreativit\u00e4t sind die Treiber des Wandels. Periphere Partnerschaften und Zusammenarbeit k\u00f6nnen die kritische Masse an Ressourcen bilden, um gemeinsam etwas zu ver\u00e4ndern. Wie diese Transformationsprozesse im Detail gestaltet werden, ist noch zu erforschen. Aber es ist sicher, dass aus peripheren Tr\u00e4umen Wirklichkeit werden kann.<\/p>\n\n\n\n<p>Mehr \u00fcber die Forschung zur Wirtschaftsgeographie der Schweizer Berggebiete finden sich auf dem <a href=\"https:\/\/mountains.unibe.ch\/\">Portal der Universit\u00e4t Bern<\/a>.<\/p>\n\n\n\n<p>Der <a href=\"https:\/\/www.valentin-rueegg.ch\/\">Grafiker Valentin R\u00fcegg<\/a> hat die Projekte visualisiert.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Welche Bilder tauchen auf, wenn wir an Peripherien denken? 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