{"id":4684,"date":"2024-08-11T13:22:44","date_gmt":"2024-08-11T11:22:44","guid":{"rendered":"https:\/\/www.kloentaltriennale.ch\/hinterland\/dev\/?p=4684"},"modified":"2024-08-25T22:04:06","modified_gmt":"2024-08-25T20:04:06","slug":"was-kommt-was-geht","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.kloentaltriennale.ch\/hinterland\/dev\/?p=4684","title":{"rendered":"WAS KOMMT, WAS GEHT"},"content":{"rendered":"\n<p>Nicht weit von der Hauptstrasse f\u00e4llt das Wasser vom Berg. Feine Wasserverwehungen. Das Wasser st\u00e4ubt, schwebt, wird ins Tal gepustet. Und satt liegen die Wiesen.<\/p>\n\n\n\n<p>Von der Hauptstrasse aus h\u00f6rt sie nicht, wie das Wasser auf den Felsen f\u00e4llt, wie es rauscht und donnert. Aber sie h\u00f6rt das Knirschen der Tourist*innenautos, die auf der anderen Strassenseite vor dem Haus auf dem kleinen Parkplatz halten, sieht eine Touristin und einen Touristen die Heckt\u00fcr \u00f6ffnen, umst\u00e4ndlich ihre Tagesrucks\u00e4cke hervorkramen, die Wanderschuhe montieren. Sie gr\u00fcssen, zeigen dann mit den Fingern mal dahin, mal dorthin, und machen ein Foto von sich und der Landschaft.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Alpen t\u00fcrmten sich. Was waren das f\u00fcr Kr\u00e4fte? Welche Ger\u00e4usche waren zu h\u00f6ren, als sich die europ\u00e4ische Platte vor etwa 30 Millionen Jahren unter die afrikanische schob, Gestein sich aufb\u00e4umte, Wellen warf, sich Falten legten, die Landschaft drunter und dr\u00fcber geriet?<\/p>\n\n\n\n<p>Leicht gleitet ihr flacher Panzer durchs Wasser. Die Schildkr\u00f6te Glarichelys knorri zieht eine sanfte Linkskurve, hebt den Kopf. Ihr Schwimmen gleicht einem Flug, die Flossen wie Fl\u00fcgel. Und von einer Eleganz, k\u00f6nnte man sagen. Und von einem noch jungen Alter, k\u00f6nnte man sagen. Und man m\u00f6chte ihr zurufen, dass sie schneller schwimmen solle, dass Gefahr drohe. Glarichelys knorri hat die Gefahr aber vermutlich schon l\u00e4ngst gesp\u00fcrt, vielleicht in Form von Ersch\u00fctterung, vielleicht in einer \u00c4nderung der Str\u00f6mungsverh\u00e4ltnisse, einem h\u00f6rbaren Grollen. Die Lawine aus Ton und Sand schoss heran, Schlamm in unfassbarer Schnelligkeit, mit einer weiteren Linkskurve weicht sie der Gefahr aus, macht sich davon. Irgendwann aber hat es sie doch erwischt, vermutlich aufgrund von Krankheit. Der Kadaver sank auf den Meeresgrund, wurde dort von feinem Schlamm \u00fcbersch\u00fcttet, war gesch\u00fctzt vor gefr\u00e4ssigen Aasfressern, vor dem Zerfall. Wurde langsam festgepresst, Jahrmillionen lang. Bis sich der ozeanische Grund hob, bis inmitten der Schieferschichten die feinen Gerippe sich zeigten.<\/p>\n\n\n\n<p>Eine Gruppe Tourist*innen taucht auf. Sie waren im anderen Tal, waren unter Tag, betrachteten dort die Schiefer\u00adplatten, liefen durch hohe R\u00e4ume im ausgeh\u00f6hlten Berg. Schwarz, glitzernd, teils von Kalzit- und Quarzadern durchzogener Stein. Und h\u00f6rten der Bergwerks\u00adf\u00fchrerin zu, und dachten an die andauernde Feuchtigkeit bis auf die Knochen der Arbeiter, an den Durchzug, die K\u00e4lte im Winter, die verlorenen Finger, an das Ger\u00e4usch von Brecheisen am Stein, das Knacken im Gestein. Sie blickten hinein ins Innere der Erde. Waren dort in der Dunkelheit und ein bisschen froh nun alle, die roten Helme wieder abzugeben und wieder am Tageslicht zu sein, ges\u00e4ttigt vom Stollensteak mit Blick jetzt auf diese satten Wiesen, den Blick weiter ins Blau des Himmels. Beru\u00adhigend das Auto dort hinten auf dem Parkplatz noch stehen zu sehen, die M\u00f6g\u00adlichkeit zur\u00fcckzukommen, in ein gem\u00fctliches Zuhause, weit weg von der Geschich\u00adte der Erdentstehung. Die Tourist*innen bedanken sich bei der Bergwerksf\u00fchrerin und auf der Heimfahrt schauen sie sich die Fotos an, die alle etwas dunkel sind, aber auch spektakul\u00e4r.<\/p>\n\n\n\n<p>In diesem Schieferbergwerk wurde vor vielen Jahren Glarichelys knorri freigelegt, weiss sie. Sie hat Glarichelys knorri in Z\u00fcrich bereits besucht, sah sie in einer sch\u00f6nen Vitrine, war erstaunt, wie klein, wie fein sie ist.<\/p>\n\n\n\n<p>Es kamen Tourist*innen oder Handels\u00adrei\u00adsende, Menschen, die zu tun hatten, hier im Tal, die in Z\u00fcgen, Post- oder anderen Autos hierherkamen, mit Muskelkraft ihre Gep\u00e4ckst\u00fccke aus den Autos, die Treppen hoch, in die Pensionszimmer hievten.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Auch heute ist viel Bewegung im Tal, Tourist*innen reisen an, aber nicht nur Menschen. Der Leerstand lockt Ideen an, wird selber neu bespielt. Die einstigen Produktions- und Lagerhallen werden umfunktioniert, es wurden Pl\u00e4ne daf\u00fcr geschmiedet: Ein Computerzentrum, das mit der Abw\u00e4rme im benachbarten Gew\u00e4chshaus medizinischen Hanf zum Wachsen bringen soll, ein Co-Working-Co-Living-Projekt mit grossem Gestaltungspotenzial. Beide Ideen fassten dann doch nicht Fuss. Der Leerstand harrt weiter, wartet auf neue Bewegung.<\/p>\n\n\n\n<p>Neben den Schildkr\u00f6ten und vielen Fischen wurden auch drei Glarner Urv\u00f6gel Protornis glaronensis im Stein gefunden. Auch sie waren, wie die Schildkr\u00f6ten und die Fische, wohl bereits tot, lagen als noch kaum verwesende K\u00f6rper am Meeresgrund, als sich die Schlammschicht \u00fcber sie legte, sie luftdicht umschloss. Im benachbarten Talmagazin liest sie, dass die fossile Vogelart \u00abb\u00f6se Menschen als \u2039Glarner Gans\u203a abtun wollten, die aber ein viel edleres Gefl\u00fcgel, n\u00e4mlich ein Verwandter des Eisvogels ist.\u00bb<\/p>\n\n\n\n<p>Ob nicht auch eine Gans durchaus ein edles Gefl\u00fcgel ist, fragt sie sich und betrachtet das Foto des Vogelgerippes, versucht sich die Bruchst\u00fccke als Ganzes zu denken, betrachtet dann das Bild des fossilen Kaninchenfischs, schaut immer wieder auf die Stelle, wo einst sein Auge war, wo jetzt ein Loch liegt.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Der Bach f\u00e4llt in einem dreiteiligen Wasserfall. Im ganzen Tal f\u00e4llt das Wasser, f\u00e4llt schon unz\u00e4hlige Jahre, fiel fr\u00fcher auf Wasserr\u00e4der, erzeugte Strom f\u00fcr die Textilfabriken.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>147 Kilometer Glasfaser liegen verbaut, allein im ganzen S\u00fcdteil des Kantons. Sie durchziehen den Untergrund, liegen in grauen Kunststoffr\u00f6hren. In ihrem Innern: Daten in Lichtgeschwindigkeit. Durch die Wasserkraft der ehemaligen Textilindustrie war hier das Stromnetz gut ausgebaut, was das Verlegen der Glasfaserkabel erleichterte. Hier konnte bereits lange vor den landl\u00e4ufigen Grossanbietern ein gutes Kommunikationsnetz f\u00fcr Firmen angeboten werden. Ein bisschen aus der Not entstanden, da die landl\u00e4ufigen Grossanbieter in dieser Region nichts angeboten hatten. Pionierarbeit, k\u00f6nnte man sagen.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>F\u00fcr die privaten Haushalte kommen die Glasfaseranschl\u00fcsse nun auch. Heute ist ihr Haus an der Reihe. Sie sitzt in der K\u00fcche und lauscht dem Bohrger\u00e4usch, wird in wenigen Stunden vernetzt sein, bis in entfernteste T\u00e4ler weltweit.<\/p>\n\n\n\n<p>Sie wird ihre Nachrichten in diese entferntesten T\u00e4ler schicken k\u00f6nnen. Und wenn aus diesen T\u00e4lern Nachrichten zur\u00fcckkommen, dann wird sie sie fast zeitgleich, wie sie geschrieben werden, lesen k\u00f6nnen. Zeit und Raum, sagt sie, werden \u00fcberlistet.<\/p>\n\n\n\n<p>In dieser oder anderer Reihenfolge:<br>Es kamen die Jahreszeiten ins Tal, und \u00fcber die Berge, jedes Jahr. Es kam die Hausweberei ins Tal. Es kamen nicht oft, aber anscheinend doch Seefahrer ins Tal, brachten Stoffe aus Indien, die Muster gefielen, wurden neu interpretiert. Es kamen Druckereien ins Tal. Es kamen Handwebst\u00fchle. Sp\u00e4ter kamen mechanische Webereien. Die Handwebst\u00fchle gingen. Es kam die Kartoffelf\u00e4ulnis, es kam Armut. Und Menschen gingen, wanderten aus, gr\u00fcndeten New Glarus im US-Bundesstaat Wisconsin. Und sp\u00e4ter dann kam doch wieder Kapital ins Tal und es entstanden neue Fabriken. Die Zur\u00fcckgebliebenen fanden nach und nach Arbeit. Und es kamen Spinnereien und Spindeln. Und Laufmeter um Laufmeter wurden produziert und verliessen das Tal. Und es kamen Arbeitskr\u00e4fte nach Glarus. Und die Armut ging f\u00fcr einige. Und die Textilindustrie florierte, expandierte nach Italien. Es kam ein Hochdruckkraftwerk und eine elektrische Fernleitung vom Wasserfall bis zum Fabrikareal, es kam der Erste Weltkrieg, die Weltwirtschaftskrise, es kam der Zweite Weltkrieg. Es kamen und gingen Fabrikbesitzer und Technologien, es kamen neue Trends. Und nichts blieb beim Alten. Und Kordstoffe und Denimstoffe gelangten von Glarus aus europaweit und hoch hinaus.<\/p>\n\n\n\n<p>Glarichelys knorri kam, Glarichelys<br>knorri ging.<\/p>\n\n\n\n<p>Es war schon immer Bewegung im Tal, sie zieht durch die Jahrhunderte, sie schob Erdplatten ineinander, trieb Wasserr\u00e4der an, drehte sich um Spindeln, gelangte in die Finger der Weber*innen und in die Finger der Glasfaserverleger*innen, sie ist so schnell wie Wasser und so schnell wie Licht.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Da t\u00fcrmen sich die Schieferplatten, dort ein Hohlraum wie eine Kathedrale, ein Echo, ein Hallen. Die Tourist*innen sitzen in den Bussen, Autos, in den Z\u00fcgen, sind noch gefangen in der Faszi\u00adnation, in Gedanken noch beim Berg, streichen ein Foto weiter und gelangen zur Heiligen Barbara, die in einem Schieferaltar steht und \u00fcber den verwaisten Stollen wacht. Am Abend, wenn sie wieder zuhause sind, werden die Wandersocken Abdruckstreifen um ihre Waden hinterlassen haben.<\/p>\n\n\n\n<p>Sie fegt die zwei Steinstufen vor ihrer Eingangst\u00fcr. H\u00f6rt R\u00e4der knirschen, beobachtet eine Touristin, die aus ihrem Auto steigt, eine Wanderkarte auf ihrer Motorhaube ausbreitet und lange studiert. Gleich wird sie zu ihr r\u00fcberkommen und nach dem Weg fragen, denkt sie und sieht sich selber schon ihr Smartphone z\u00fccken, mit ihrem Finger auf dem kleinen Monitor den Weg entlanggleiten.<\/p>\n\n\n\n<p>Als sie am Morgen erwacht, erinnert sie sich bruchst\u00fcckartig an ihren Traum: Sie floss mit Datenstr\u00f6men durch eine graue Kunststoffr\u00f6hre. Auch die Meeresschildkr\u00f6te Glarichelys knorri war da. Sie winkte mit ihrer Flosse, gab ihr ein Zeichen, das sie nicht verstand.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-medium-font-size\">Die Autorin dankt f\u00fcr Gespr\u00e4ch und Informationen: Dennis Hansen, Torsten Scheyer und Heinz Furrer<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-medium-font-size\">Literatur: Furrer, H. &amp; Leu, U. (1998). <em>Der Landes\u00adplattenberg Engi. Forschungsgeschichte, Fossilien und Geologie<\/em>. Stiftung Landesplattenberg Engi.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Nicht weit von der Hauptstrasse f\u00e4llt das Wasser vom Berg. Feine Wasserverwehungen. Das Wasser st\u00e4ubt, schwebt, wird ins Tal gepustet. Und satt liegen die Wiesen. Von der Hauptstrasse aus h\u00f6rt [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":25,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_EventAllDay":false,"_EventTimezone":"","_EventStartDate":"","_EventEndDate":"","_EventStartDateUTC":"","_EventEndDateUTC":"","_EventShowMap":false,"_EventShowMapLink":false,"_EventURL":"","_EventCost":"","_EventCostDescription":"","_EventCurrencySymbol":"","_EventCurrencyCode":"","_EventCurrencyPosition":"","_EventDateTimeSeparator":"","_EventTimeRangeSeparator":"","_EventOrganizerID":[],"_EventVenueID":[],"_OrganizerEmail":"","_OrganizerPhone":"","_OrganizerWebsite":"","_VenueAddress":"","_VenueCity":"","_VenueCountry":"","_VenueProvince":"","_VenueState":"","_VenueZip":"","_VenuePhone":"","_VenueURL":"","_VenueStateProvince":"","_VenueLat":"","_VenueLng":"","_VenueShowMap":false,"_VenueShowMapLink":false,"footnotes":""},"categories":[18],"tags":[301,203,181,337,343,334,61,342,344,274,339,338,336,300,333,332,341,350,184,147,79,340],"class_list":["post-4684","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-context","tag-alpen","tag-co-living","tag-co-working","tag-datacenter","tag-daten","tag-evolution","tag-fabrik","tag-glasfaser","tag-kommunikation","tag-landschaft","tag-leerstand","tag-rechenzentrum","tag-schildkroete","tag-stagnation","tag-stein","tag-tektonik","tag-textilproduktion","tag-tourismus","tag-transformation","tag-ultrahochbreitbandnetz","tag-wasser","tag-wasserfall"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.kloentaltriennale.ch\/hinterland\/dev\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/4684","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.kloentaltriennale.ch\/hinterland\/dev\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.kloentaltriennale.ch\/hinterland\/dev\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.kloentaltriennale.ch\/hinterland\/dev\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/25"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.kloentaltriennale.ch\/hinterland\/dev\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=4684"}],"version-history":[{"count":4,"href":"https:\/\/www.kloentaltriennale.ch\/hinterland\/dev\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/4684\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":4712,"href":"https:\/\/www.kloentaltriennale.ch\/hinterland\/dev\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/4684\/revisions\/4712"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.kloentaltriennale.ch\/hinterland\/dev\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=4684"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.kloentaltriennale.ch\/hinterland\/dev\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=4684"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.kloentaltriennale.ch\/hinterland\/dev\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=4684"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}