{"id":5068,"date":"2024-08-25T19:30:39","date_gmt":"2024-08-25T17:30:39","guid":{"rendered":"https:\/\/www.kloentaltriennale.ch\/hinterland\/dev\/?p=5068"},"modified":"2024-08-25T21:57:57","modified_gmt":"2024-08-25T19:57:57","slug":"das-grosse-rauschen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.kloentaltriennale.ch\/hinterland\/dev\/?p=5068","title":{"rendered":"DAS GROSSE RAUSCHEN"},"content":{"rendered":"\n<figure class=\"wp-block-image size-large is-resized content_bild\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1024\" height=\"719\" src=\"https:\/\/www.kloentaltriennale.ch\/hinterland\/dev\/wp-content\/uploads\/2024\/08\/Das_grosse_Rauschen-1024x719.jpeg\" alt=\"\" class=\"wp-image-5071\" style=\"width:941px;height:auto\" srcset=\"https:\/\/www.kloentaltriennale.ch\/hinterland\/dev\/wp-content\/uploads\/2024\/08\/Das_grosse_Rauschen-1024x719.jpeg 1024w, https:\/\/www.kloentaltriennale.ch\/hinterland\/dev\/wp-content\/uploads\/2024\/08\/Das_grosse_Rauschen-300x211.jpeg 300w, https:\/\/www.kloentaltriennale.ch\/hinterland\/dev\/wp-content\/uploads\/2024\/08\/Das_grosse_Rauschen-768x539.jpeg 768w, https:\/\/www.kloentaltriennale.ch\/hinterland\/dev\/wp-content\/uploads\/2024\/08\/Das_grosse_Rauschen-1536x1078.jpeg 1536w, https:\/\/www.kloentaltriennale.ch\/hinterland\/dev\/wp-content\/uploads\/2024\/08\/Das_grosse_Rauschen-2048x1437.jpeg 2048w\" sizes=\"auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><\/figure>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-center has-medium-font-size\">\u00abDas grosse Rauschen\u00bb, Postkarte aus dem Projekt \u00abMaterialien zur Dekonstruktion einer Landschaft\u00bb von Peter Spillmann, Ausstellung \u00abStrategien der Kunst der 90er-Jahre\u00bb, Kunsthaus Glarus, 1996<\/p>\n\n\n\n<p>In der Romantik wurde die Landschaft erfunden. Davor gab es St\u00e4dte, Orte und Flecken irgendwo im Land. Spuren, Pfade und Wege, die dort hinf\u00fchrten, Fl\u00fcsse und Seen, die das Reisen erleichterten, Wildb\u00e4che, S\u00fcmpfe, Schluchten und Berge, wo es kaum ein Durchkommen gab und die einem das F\u00fcrchten lernten. Es gab Gebiete, Flure und Gemarkungen, die unter dem Schutz einer Stadt, eines Klosters oder eines F\u00fcrsten standen oder als Allmende geteilt wurden. Es gab Eheschliessungen, Stiftungen, Schenkungen, Erbschaften, Gesch\u00e4fte und Kriege, die das Land strukturierten, und es gab vielf\u00e4ltige, regionale Formen der landwirtschaftlichen und handwerklichen Nutzung von Boden, Wald und Gew\u00e4sser, die das Land geformt hatten. Aber es gab noch keine Landschaft. Zumindest nicht im Sinne einer \u00e4sthetischen Kategorie, eines grossen, zusammenh\u00e4ngenden Bildes, welches Anlass bietet, tiefe Gef\u00fchle zu empfinden, die Erhabenheit von Natur zu erkennen oder Heimat zu erblicken, nur hier und woanders nicht. Es ist die Literatur, Musik und Malerei der Romantik und des 19. Jahrhunderts, welche Landschaft als eine eigenst\u00e4ndige neue Formation erschaffen und in die Kulturgeschichte eingeschrieben hat. Ein Kunsttrick, wie sich jetzt herausstellt, der unter dem Eindruck einer immer weiter um sich greifenden wissenschaftlichen Aufteilung und Kartierung von Welt und vor dem Hintergrund der Erfahrungen des Kolonialismus ausgef\u00fchrt wurde und die europ\u00e4ische und insbesondere die alpine Landschaft als eine Art Gesamtkunstwerk konstruierte, der die grossen Widerspr\u00fcche der Zeit vor\u00fcbergehend auszublenden vermochte und fortan die Koordinaten definierte, innerhalb welcher die Grenzen zwischen Natur und Zivilisation gezogen werden konnten.<\/p>\n\n\n\n<p><em>\u00abDer Abend r\u00fcckte heran und die Licht- und Schattenw\u00fcrfe wurden immer ausserordentlicher. Die letzten Sonnenstrahlen erh\u00f6hten das Gr\u00fcn der Alpenkr\u00e4uter, welche sie streiften, zu dem gl\u00e4nzendsten Schmelz, und warfen zwischen die tiefen Schlagschatten Goldstreifen und Lichtstellen, deren entz\u00fcckende Wirkung nicht zu beschreiben ist. Die Felsenscheitel r\u00f6teten sich, und ein violett-grauer Duft verh\u00fcllte die raue Nacktheit ihrer W\u00e4nde. Mit magischem Zauberreiz lag dieses Gem\u00e4lde im Spiegel des Sees. Von den Wiesen schallte von Zeit zu Zeit das Glockengel\u00e4ut der K\u00fche, und auf einmal t\u00f6nte der einfache Klang eines Hirtenhorns aus weiter Ferne durch die hohe heilige Stille dieses erhabenen Naturtempels. Von so ganz neuen Eindr\u00fccken innigst ber\u00fchrt, sah ich lauschend auf die Bewegung meiner Gef\u00fchle. Welch einen Zauber des Friedens, welche beseligende Herzensruhe empfand ich hier! In dem Schosse solcher Natur kehrt der Mensch zur edlen Einfalt zur\u00fcck, und wird regbar empf\u00e4nglich f\u00fcr alles, was Unschuld, Sch\u00f6nheit und tugendhafte Gr\u00f6sse an sich tr\u00e4gt.\u00bb <\/em>(Ebel, 1802)<\/p>\n\n\n\n<p>Johann Gottfried Ebel war nur einer von zahlreichen Trickstern, nicht mal ein K\u00fcnstler, sondern Arzt. Er interessierte sich f\u00fcr die Geologie des Alpenraums, das schweizerische Idiom, f\u00fcr die hiesigen Sitten und Gebr\u00e4uche und f\u00fcr weitere Grenzgebiete der Naturwissenschaften, etwa die Anwendung von W\u00fcnschelruten und den animalischen Magnetismus. Und er publizierte 1793 das Reisehandbuch \u00abAnleitung, auf die n\u00fctzlichste und genussvollste Weise die Schweiz zu bereisen\u00bb. Es war wohl sein einflussreichstes Werk, indem es Orte, Wege und Sichtweisen markierte, an denen sich ein verfestigendes Bild von Schweiz festmachen liess und so dazu beitrug, dass Glarus und da besonders die Gegend um den Kl\u00f6ntalersee im 19. Jahrhundert kurzfristig zum Geheimtipp unter Malern und Dichtern wurde. Davor kamen schon Salomon Gessner, sp\u00e4ter folgten Conrad Ferdinand Meyer, Arnold B\u00f6cklin, Rudolf Koller, Johann Gottfried Steffan und Carl Spitteler.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large content_bild\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1024\" height=\"825\" src=\"https:\/\/www.kloentaltriennale.ch\/hinterland\/dev\/wp-content\/uploads\/2024\/08\/Die_Richisau_von_Rudolf_Koller-1024x825.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-5074\" srcset=\"https:\/\/www.kloentaltriennale.ch\/hinterland\/dev\/wp-content\/uploads\/2024\/08\/Die_Richisau_von_Rudolf_Koller-1024x825.jpg 1024w, https:\/\/www.kloentaltriennale.ch\/hinterland\/dev\/wp-content\/uploads\/2024\/08\/Die_Richisau_von_Rudolf_Koller-300x242.jpg 300w, https:\/\/www.kloentaltriennale.ch\/hinterland\/dev\/wp-content\/uploads\/2024\/08\/Die_Richisau_von_Rudolf_Koller-768x619.jpg 768w, https:\/\/www.kloentaltriennale.ch\/hinterland\/dev\/wp-content\/uploads\/2024\/08\/Die_Richisau_von_Rudolf_Koller-1536x1238.jpg 1536w, https:\/\/www.kloentaltriennale.ch\/hinterland\/dev\/wp-content\/uploads\/2024\/08\/Die_Richisau_von_Rudolf_Koller.jpg 1650w\" sizes=\"auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><\/figure>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-center has-medium-font-size\"><br>Rudolf Koller, \u00abDie Richisau\u00bb, 1858, \u00d6l auf Leinwand, Kunstmuseum Winterthur, Stiftung Oskar Reinhart<\/p>\n\n\n\n<p>In der grossen Symphonie der Romantik, wo Menschen oft nur noch in der Ferne, am Rande oder gar nicht mehr ins Bild treten, wo von Siedlungen, Kl\u00f6stern und St\u00e4dten \u00fcberwachsene Ruinen \u00fcbrigbleiben und die Pflanzen, B\u00e4ume, Wolken, Wellen oder Felsen die Zivilisation verdr\u00e4ngt haben, erklingt noch ein anderes Motiv. Es handelt von Melancholie und Verzweiflung, welche die K\u00fcnstler der Zeit versp\u00fcrt haben, ahnend, dass die europ\u00e4ische Zivilisation l\u00e4ngst damit begonnen hat, Verbindungen zu kappen, endg\u00fcltige Grenzen zu ziehen, die Welt zu zerst\u00fcckeln: Hier oder dort, heimisch oder fremd, Mensch oder Tier, Flora oder Fauna, belebt oder unbelebt, Fakt oder Mythos. Im Verschwinden der Zivilisation in der \u00fcberm\u00e4chtigen Landschaft wird Natur beschworen, das Prinzip des Wachstums, was entsteht, wird auch wieder untergehen, D\u00f6rfer und St\u00e4dte wachsen und werden als Ruinen wieder \u00fcberwuchert. Bei Koller, der zumindest im Kl\u00f6ntal nochmals an die Romantik erinnert, ist der Zaun kaum mehr vom Geh\u00f6lz zu unterscheiden und der vom Vieh zertretene Rand einer Wasserkuhle wird vom sumpfbl\u00e4ttrigen Ampfer besiedelt. Das Bild zeigt F\u00fclle und stellt zugleich Leere dar. Spuren der Arbeit bleiben ausgeblendet, wie die st\u00e4ndig wiederkehrende Reparatur der Weidez\u00e4une nach jedem strengen Winter, aber auch vielf\u00e4ltige Formen der Kollaboration \u2013 etwa die alpine Kulturlandschaft als ein Ergebnis einer jahrhundertealten Praxis der Beweidung. Unsichtbar bleiben komplexe symbiotische Beziehungen \u2013 der Ampfer als Kulturfolger und Stickstoffanzeiger. So zeigen die K\u00fcnstler des 19. Jahrhunderts kaum reale Verh\u00e4ltnisse, schaffen daf\u00fcr ein aus der Dringlichkeit der Zeit und im k\u00fcnstlerischen \u00dcbereifer idealisiertes und wohl gerade deshalb so wirkm\u00e4chtiges Bild. Eines, das die Aufteilung der Welt nicht stoppen, daf\u00fcr lange verschleiern konnte. Hinten, in den unsichtbaren Bereichen des Schattens oder in der Ferne, da liegt die Peripherie, das Hinterland. Da wird kein Verst\u00e4ndnis vermittelt f\u00fcr eine Praxis der Nutzung oder eine Wirtschaftsweise der F\u00fcrsorge, und die komplexen Zusammenh\u00e4nge finden unbeachtet statt. Sie werden nun in den wissenschaftlichen Labors einzeln und im Detail untersucht. Was verborgen ist, wird billige Ressource, die sich jeder holen kann, der schnell ist und die Skrupellosigkeit hat, \u00fcberall einzudringen, auch da, wo angeblich nichts ist. Das Prinzip Wachstum hat sich schliesslich doch durchgesetzt. Nicht als idealistische Figur der herbeigesehnten neuen Einheit zwischen Kultur und Natur \u2013 alles w\u00e4chst und alles vergeht auch wieder, sondern als Zauberformel des Kapitalismus. Bl\u00fchende Gesch\u00e4fte, wachsende Geldanlagen und reiche Ernte wurden fester Bestandteil der Wirtschaftsrhetorik. &nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>In den 1960er-Jahren schlagen K\u00fcnst\u00adler*innen, die sp\u00e4ter der Bewegung der Land Art zugeordnet wurden, eine radikal neue Sicht auf Landschaft vor. Raum als Distanz und leere Fl\u00e4che, die Oberfl\u00e4che eines Planeten, Materie und Geologie, werden mit Strategien der Begehung oder mit den technischen Medien der Moderne fahrend oder fliegend erfahrbar gemacht und lassen sich nicht mehr als Bild fassen. Es entstehen vielmehr konzeptionelle Texte, Berichte und Dokumentationen von Vorgefundenem oder von den Spuren, die das wochenlange Gehen auf einer Linie oder einem Kreis in der Vegetation der Highlands hinterlassen haben. Um dem komplexen und \u00fcber weite Strecken problematisch gewordenen Verh\u00e4ltnis von Zivilisation und Natur auf die Spur zu kommen, reicht Anschauung l\u00e4ngst nicht mehr. Es sind forschende, performative und praxisbezogene k\u00fcnstlerische Strategien notwendig. Robert Smithson und Nancy Holt machen 1967 Erkundungen im Hinterland der Grossstadt, die sie als neue, geologische Formation des Anthropoz\u00e4ns entdeckt haben. Die Idee sei aufgrund eines Artikels in der New York Times entstanden, der in der Rubrik Kunst unter dem Titel \u00abArt: Themes and the Usual Variations\u00bb von einer Ausstellung in der Marlborough-Gerson Galerie berichtet, wo unter anderem das Gem\u00e4lde \u00abAllegorical Landscape\u00bb von Samuel F. B. Morse ausgestellt wurde. Das Werk \u00abA Tour of the Monuments of Passaic\u00bb umfasst neben dem ausgeschnittenen Zeitungsartikel auch das Ticket f\u00fcr den \u00abCommuter Train\u00bb nach New Jersey, den Beleg f\u00fcr den Kauf von Kodak-Filmen, ein Bericht \u00fcber den Verlauf der Exkursion und eine Reihe von Schwarz-Weiss-Fotos der verschiedenen Monumente, die ihnen in der von Strassenbauarbeiten, Schuttdeponien und Abwasserkan\u00e4len geformten Landschaft am Rande der Stadt begegnet sind: \u00abMonument with Pontoons: The Pumping Derrick\u00bb, \u00abThe Great Pipe Monument\u00bb, \u00abThe Fountain Monument\u00bb.<\/p>\n\n\n\n<p>Die K\u00fcnstler*innen des 20. Jahrhundert haben das ganz offensichtlich widerspr\u00fcchliche Verh\u00e4ltnis der Moderne zu den Lebensgrundlagen und Ressourcen, von denen letztlich alles abh\u00e4ngt und die je nach Standpunkt in ideologisch verbr\u00e4mten oder idealistisch \u00fcberh\u00f6hten Bildern dargestellt wurden, immer wieder thematisiert und bearbeitet. K\u00f6nnten nicht bereits die von Kirchner und Kandinsky im Kontext des aufflammenden Faschismus in Falschfarben getauchten Landschaften als Kritik an eine monstr\u00f6s werdende Idee von Heimat gelesen werden? Eine bildbezogene k\u00fcnstlerische Strategie, die gleich von der Abstraktion abgel\u00f6st wird, weil diese es noch radikaler schafft, die Motive des 19. Jahrhunderts zu durchkreuzen und mit den verkl\u00e4renden Darstellungen der kolonialen Empires zu brechen.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Auch wenn selbst dem \u00abPartially Buried Woodshed\u00bb von Holt und Smithson noch ein Hauch von Ruinenromantik angerechnet werden k\u00f6nnte, Eingriffe ins Terrain, das Verschieben von grossen Mengen von Schutt und Erde, das Aussch\u00fctten von Teer und die Verwendung von Beton sind Gesten, die auf eine andere Zeit und andere inhaltliche Kontexte verweisen. Physische Pr\u00e4senz und schweres Ger\u00e4t schaffen Bez\u00fcge zu den ab Mitte des Jahrhunderts massiv forcierten Prozessen der technischen Erschliessung, der industriellen Nutzbarmachung und des Extraktivismus. Das Wasteland von New Jersey wird als neue, k\u00fcnstlich-nat\u00fcrliche Landschaft vorgestellt. \u00abTar Spill\u00bb, ein kurzer Film von Nancy Holt, zeigt, wie ein Lastwagen eine Ladung schwarzen Teer \u00fcber den Rand einer Kiesgrube aussch\u00fcttet. Da \u00fcberlagern sich m\u00f6gliche Referenzen \u00e4hnlich den Materialien und bilden ein gleichsam kulturelles Sediment: Die Lawine als Naturschauspiel, das zeitlos ist, die Potenz der Maschinen, die immer noch weiter gesteigert werden kann, die Gestaltungsmacht der Menschen, der keine Grenzen mehr gesetzt sind, die \u00c4sthetik des Zufalls, mit der die Kunst den Zeitgeist zu fassen versucht, Rohstoffe, die immer verf\u00fcgbar scheinen, Umweltzerst\u00f6rung, die am Rande geschieht und die niemand beachtet.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>In den auf den Blick von Autofahrenden ausgerichteten Kulissen von Las Vegas haben Robert Venturi und Denise Scott Brown kurze Zeit sp\u00e4ter Stadt als Landschaft zu verstehen gelernt: \u00abLearning from Las Vegas\u00bb. Und in den vom Krieg zur\u00fcckgebliebenen Brachen Westberlins stossen Biolog*innen auf vielf\u00e4ltige, an die unterschiedlichsten Territorien und ihre mikroklimatischen Bedingungen angepasste Pflanzen- und Tiergemeinschaften und lernen Stadt als eine Form von Natur zu beforschen. Sp\u00e4testens in den 1970er-Jahren, mit dem ersten Bericht des Club of Rome, ist das St\u00fcck zu Ende. Das Prinzip Wachstum als kapitalistisches Akkumulationsmodell tritt aus dem B\u00fchnenhintergrund hervor, und auch die grosse Illusion von Natur als unersch\u00f6pfliche Grundlage ist pl\u00f6tzlich weg, und der Bann, in den die europ\u00e4ischen M\u00e4chte die Welt zu ziehen vermochten, mit einer Mischung aus erhabenen Bildern, rationalen Modellen und viel Gewalt, l\u00f6st sich zum Gl\u00fcck langsam.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Nun sind es also die Autobahnkreuzungen, Bahnlinien, Druckleitungen, Einkaufs\u00adzentren, Elektroz\u00e4une, Gartenz\u00e4une, Gewerbegebiete, Grasballen, Gr\u00fcnanlagen, Hochspannungsleitungen, Industrieareale, Kiesgruben, Maisfelder, Mastbetriebe, Mobilfunkantennen, M\u00fclldeponien, Natur\u00adschutzgebiete, Offenst\u00e4lle, Parkpl\u00e4tze, Photovoltaikanlagen, Rapsfelder, R\u00fcck\u00adhaltebecken, Stauseen, St\u00fctzmauern, Sportpl\u00e4tze, Verkehrssignale, Windkraft\u00adanlagen, Wohnviertel und noch vieles mehr, was den Raum bildet, in dem wir leben. Und es sind Eigentumsrechte, Baugesetze, D\u00fcngemittelverordnungen, Gemeindegrenzen, Grundst\u00fccksgrenzen, Jagdgesetze, Kantonsgrenzen, Katastro\u00adphenpl\u00e4ne, Kaufvertr\u00e4ge, Mietvertr\u00e4ge, Naturschutzgesetze, Pachtvertr\u00e4ge, Staatsgrenzen, Subventionsregeln, Wasserschutzverordnungen, Zonenpl\u00e4ne und noch viel mehr, was Formen der Gestaltung, der Nutzung oder der Verwer\u00adtung erm\u00f6glicht oder verhindert. Wie l\u00e4sst sich ein solches Konglomerat von Infrastrukturen und Regelwerken mit der Idee verbinden, dass Natur letztlich ein symbiotisches Verh\u00e4ltnis ist, welches uns stets in Abh\u00e4ngigkeiten verwickelt und kollaborative Formen der Pflege und f\u00fcrsorglichen Nutzung bedingt?&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large content_bild\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1024\" height=\"451\" src=\"https:\/\/www.kloentaltriennale.ch\/hinterland\/dev\/wp-content\/uploads\/2024\/08\/Solarstrom_aus_den_Bergen-1024x451.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-5075\" srcset=\"https:\/\/www.kloentaltriennale.ch\/hinterland\/dev\/wp-content\/uploads\/2024\/08\/Solarstrom_aus_den_Bergen-1024x451.jpg 1024w, https:\/\/www.kloentaltriennale.ch\/hinterland\/dev\/wp-content\/uploads\/2024\/08\/Solarstrom_aus_den_Bergen-300x132.jpg 300w, https:\/\/www.kloentaltriennale.ch\/hinterland\/dev\/wp-content\/uploads\/2024\/08\/Solarstrom_aus_den_Bergen-768x338.jpg 768w, https:\/\/www.kloentaltriennale.ch\/hinterland\/dev\/wp-content\/uploads\/2024\/08\/Solarstrom_aus_den_Bergen.jpg 1340w\" sizes=\"auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><\/figure>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-center has-medium-font-size\">\u00abSolarstrom aus den Bergen f\u00fcr Verbraucher im Tal\u00bb, Banner zu einem Artikel auf en-former.com, Werbeblog von RWE<\/p>\n\n\n\n<p>Die intensive Besch\u00e4ftigung mit den unterschiedlichen geografischen, politischen, historischen und sozialen Spuren, Entwicklungen und Pr\u00e4gungen, die am Ende die Einzigartigkeit eines jeden Ortes ausmachen, hat Lucy R. Lippard bereits in den 1990er-Jahren als K\u00fcnstlerin praktiziert und in der faszinierenden Sammlung \u00abThe Lure of the Local. Senses of Place in a Multicentred Society\u00bb dokumentiert. Hier sind es Geschichten von Orten, Projekten und Initiativen, an denen unterschiedliche K\u00fcnstler*innen mitgewirkt haben, die ihre k\u00fcnstlerische Praxis in den Dienst einer Sache oder einer Community stellten. Sie erz\u00e4hlen von improvisierten Formen der Landnutzung, vom kreativen Kampf indigener Gruppen f\u00fcr den Schutz ihrer Gebiete, von Obdachlosigkeit, von den Folgen der exzessiven Nutzung von Wasser, vom Umgang mit traumatisierenden Geschichten und von den Erosionsprozessen, die Kapitalstr\u00f6me in Stadt und Land immer wieder auszul\u00f6sen verm\u00f6gen. Landschaft stellt sich als ein von sozialen Verh\u00e4ltnissen geformtes, durch Interdependenz gestaltetes Terrain dar. Sichtbar und erfahrbar in der Vielzahl von Begegnungen, Erz\u00e4hlungen, Initiativen und Zusammenschl\u00fcssen.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large content_bild\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1024\" height=\"830\" src=\"https:\/\/www.kloentaltriennale.ch\/hinterland\/dev\/wp-content\/uploads\/2024\/08\/Zeichnung_Schaefer-1024x830.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-5078\" srcset=\"https:\/\/www.kloentaltriennale.ch\/hinterland\/dev\/wp-content\/uploads\/2024\/08\/Zeichnung_Schaefer-1024x830.jpg 1024w, https:\/\/www.kloentaltriennale.ch\/hinterland\/dev\/wp-content\/uploads\/2024\/08\/Zeichnung_Schaefer-300x243.jpg 300w, https:\/\/www.kloentaltriennale.ch\/hinterland\/dev\/wp-content\/uploads\/2024\/08\/Zeichnung_Schaefer-768x623.jpg 768w, https:\/\/www.kloentaltriennale.ch\/hinterland\/dev\/wp-content\/uploads\/2024\/08\/Zeichnung_Schaefer-1536x1245.jpg 1536w, https:\/\/www.kloentaltriennale.ch\/hinterland\/dev\/wp-content\/uploads\/2024\/08\/Zeichnung_Schaefer-2048x1660.jpg 2048w\" sizes=\"auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><\/figure>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-center has-medium-font-size\">Zeichnung von Miguel S\u00e1nchez Vargas, \u00abFolk (Un)-Museum\u00bb von INLAND, anl\u00e4sslich der documenta fifteen, 2022<\/p>\n\n\n\n<p>Miguel S\u00e1nchez Vargas war der letzte Sch\u00e4fer in Almonaster la Real. Er zeichnete die Tiere und Wesen, denen er auf der Weide beim H\u00fcten der Schafe immer wieder begegnet ist. So traf er auch auf den grossen Stein, den ihn an die Schnauze einer Kuh erinnerte und den er deshalb oft ber\u00fchrte und in seinen Zeichnungen abbildete. Seine Arbeit war im \u00abFolk (Un)-Museum\u00bb im Ottoneum an der documenta fifteen ausgestellt. Das von INLAND initiierte Projekt umfasste eine Sammlung von Artefakten und Zeichnungen, die von den vielen, systematisch abgewerteten ruralen Kulturen und den inzwischen meist verschollenen Praxen handelt. Teil der Sammlung waren auch \u00abH\u00f6lzchen\u00bb von zwei Alpgenossenschaften. Handgeschnitzte Merkzeichen, die zur Darstellung der Herde verwendet wurden \u2013 die Anzahl, die Art und die Herkunft der Tiere, die im Fr\u00fchjahr gemeinsam auf die Alp zogen \u2013 so, dass am Ende des Sommers auch der produzierte K\u00e4se oder die Butter gerecht verteilt werden konnte.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Es sind also vielgestaltige Verbindungen von Menschen, Krittern und anderem. Einzelne, lokale Initiativen, kollektive Aktionen, Mikroorganisationen, kulturelle Zusammenh\u00e4nge, k\u00fcnstlerische Projekte \u2013 in der Stadt und auf dem Land \u2013 welche l\u00e4ngst mit der m\u00fchevollen Kleinarbeit der Reparatur, der Heilung von Lebensgrundlagen und der Neuzusammensetzung unseres Verst\u00e4ndnisses von Natur begonnen haben und Voraussetzungen schaffen f\u00fcr eine zuk\u00fcnftige Post-Wachstumsgesellschaft. Initiativen, die sich f\u00fcr indigenes Wissen und Erfahrungen mit traditionellen Anbau- und Herstellungsverfahren einsetzen, Wissen, das im Namen von Fortschritt und Kolonialisierung als Folklore systematisch abgewertet und nicht selten vollst\u00e4ndig ausgel\u00f6scht wurde. Projekte, in denen die komplexen Verflechtungen erforscht werden, die wir Umwelt nennen, Verflechtungen, die behutsam ausdifferenziert und sorgf\u00e4ltig gepflegt werden m\u00fcssen und dem schnellen Wachstum und Fortschritt stets im Wege standen. Es sind Kulturen, die in den Ruinen der Moderne, in den Brachen des Kapitalismus besonders gut gedeihen, die an den R\u00e4ndern der alten Metropolen, in der Peripherie der Empires und im Hinterland wachsen, f\u00fcr die Werte wie Gemeinschaft und F\u00fcrsorge mehr z\u00e4hlen als technischer Fortschritt und wirtschaftlicher Gewinn und die auf neue Weise und jenseits von grossen Bildern die Bruchstellen zwischen Zivilisation und Natur zu \u00fcberwuchern beginnen.<\/p>\n\n\n\n<p>Literatur:<br><\/p>\n\n\n\n<p>Ebel, Johann Gottfried (1802). <em>Schilderung des Gebirgsvolkes vom Kanton Glarus. Die Reise von N\u00e4fels ins Kl\u00f6ntal.<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u00abDas grosse Rauschen\u00bb, Postkarte aus dem Projekt \u00abMaterialien zur Dekonstruktion einer Landschaft\u00bb von Peter Spillmann, Ausstellung \u00abStrategien der Kunst der 90er-Jahre\u00bb, Kunsthaus Glarus, 1996 In der Romantik wurde die Landschaft [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":26,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_EventAllDay":false,"_EventTimezone":"","_EventStartDate":"","_EventEndDate":"","_EventStartDateUTC":"","_EventEndDateUTC":"","_EventShowMap":false,"_EventShowMapLink":false,"_EventURL":"","_EventCost":"","_EventCostDescription":"","_EventCurrencySymbol":"","_EventCurrencyCode":"","_EventCurrencyPosition":"","_EventDateTimeSeparator":"","_EventTimeRangeSeparator":"","_EventOrganizerID":[],"_EventVenueID":[],"_OrganizerEmail":"","_OrganizerPhone":"","_OrganizerWebsite":"","_VenueAddress":"","_VenueCity":"","_VenueCountry":"","_VenueProvince":"","_VenueState":"","_VenueZip":"","_VenuePhone":"","_VenueURL":"","_VenueStateProvince":"","_VenueLat":"","_VenueLng":"","_VenueShowMap":false,"_VenueShowMapLink":false,"footnotes":""},"categories":[1,18],"tags":[301,233,315,323,59,330,327,219,324,314,316,274,325,326,312,329,257,313,328,331,288,320,217],"class_list":["post-5068","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-allgemein","category-context","tag-alpen","tag-alpine-brache","tag-berge","tag-erosion","tag-fortschritt","tag-heilung","tag-indigenes-wissen","tag-kapitalismus","tag-kollektiv","tag-kolonialismus","tag-landnutzung","tag-landschaft","tag-mikroorganisation","tag-post-wachstum","tag-postkarte","tag-reparatur","tag-ressourcen","tag-romantik","tag-tradition","tag-verflechtung","tag-verkehr","tag-wachstum","tag-wirtschaft"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.kloentaltriennale.ch\/hinterland\/dev\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/5068","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.kloentaltriennale.ch\/hinterland\/dev\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.kloentaltriennale.ch\/hinterland\/dev\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.kloentaltriennale.ch\/hinterland\/dev\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/26"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.kloentaltriennale.ch\/hinterland\/dev\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=5068"}],"version-history":[{"count":4,"href":"https:\/\/www.kloentaltriennale.ch\/hinterland\/dev\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/5068\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":5079,"href":"https:\/\/www.kloentaltriennale.ch\/hinterland\/dev\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/5068\/revisions\/5079"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.kloentaltriennale.ch\/hinterland\/dev\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=5068"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.kloentaltriennale.ch\/hinterland\/dev\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=5068"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.kloentaltriennale.ch\/hinterland\/dev\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=5068"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}